Dortmunds Philharmoniker huldigen „Helden“

Von Edda Breski DORTMUND - Mit den Helden ist es eine gefährliche Sache: Meist entscheidet der Erfolg über das Heldentum. Glorioses Scheitern ist auch noch akzeptiert, aber über viele geschlagene Helden fährt die Geschichte hinweg. Die Dortmunder Philharmoniker unter ihrem Generalmusikdirektor Gabriel Feltz haben sich jetzt mit drei Ausprägungen des Heldentums beschäftigt: ein spannendes Konzept, aber in der Umsetzung nicht ausreichend durchdacht.

Das Helden-Programm begann mit der zweiten Leonoren-Ouvertüre. Beethoven tat sich mit seiner einzigen Oper „Fidelio“ schwer. Neben den tapferen Florestan, der als Verfechter der Freiheit per Definition ein Held ist, tritt die eher eindimensionale Heldin, Verkörperung der Gattentreue, die in Männerkleidern zur Befreiung eilt. Über Gut und Böse gibt es wenig zu verhandeln in der Leonore II, die mit ihren ungefähr 13 Minuten Wagner-Dimensionen hat: Wenn die Trompete erschallt, ist Rettung nah. Feltz arbeitete mit feiner Klangmodellage, feilte Übergänge heraus, ließ aber die Tempi schleppen: eine gutbürgerliche Heldin.

Spannend wurde der Abend danach mit Viktor Ullmanns Klavierkonzert (1939). An der Schwelle zum Krieg, trotz persönlicher Krisen und der Bedrohung durch die Judenverfolgung der Nationalsozialisten, schrieb er ein vibrierendes, raues Werk voller Lebensbejahung. 1942 wurde er in das „Vorzeige-Konzentrationslager“ Theresienstadt deportiert. Dort komponierte er in einem unglaublichen Ausbruch an Schöpfungskraft mehr Werke als zuvor. 1944 wurde er in Auschwitz ermordet. Heute wird er wenig gespielt; die Nationalsozialisten löschten ihn und viele Kollegen weitgehend von den Spielplänen.

Der Pianist Moritz Ernst bewegte sich mit Ruhe durch den komplexen Part. Das Klavier führt einen Dialog mit dem Orchester, in dessen Verlauf es oft stark zurücktritt. Die Phrasen wechseln zwischen den Stimmen wie in einer leidenschaftlichen Unterhaltung. Das Klavier wird oft überraschend unisono geführt mit Einzelinstrumenten, darunter ein Banjo. Es gibt reizvolle Klangeffekte, wilde Ausbrüche, Passagen, die vom sinfonischen Jazz Gershwins beeinflusst sind. Das Adagio erinnert an Mahlers Eigenart, die Spätromantik zugleich zu dekonstruieren und zu bestätigen. Ernst modellierte die Schroffheiten des Klavierparts, im vierten Satz, dem ruppig-treibenden Allegro molto, bewahrte er vielleicht zu viel Gelassenheit. In den Dortmundern hatte er einen kraftvollen Dialogpartner. Insgesamt hätte man sich mehr Expressivität wünschen können. Im Anschluss machte Ernst mit dem 3. Satz aus Ullmanns 2. Klaviersonate Lust auf mehr.

Aber warum musste danach ausgerechnet Richard Strauss gespielt werden? Strauss, einer der auserwählten drei Komponisten auf Hitlers Gottbegnadeten-Liste, arrangierte sich und zog sich auf seine Sendung als Künstler zurück. Die Tondichtung „Ein Heldenleben“ war ein knappes halbes Jahrhundert vorher entstanden. Schon darin feierte er den sich von der feindlichen Welt distanzierenden Ego-Helden. Wenigstens fragwürdig wirkte die Anmerkung im Programmheft, Strauss habe in den 50 Jahren nach „Ein Heldenleben“ seine „inneren, geistigen und künstlerischen Kräfte“ immer weiter entwickelt.

Der Strauss, der wohl als Abschluss-Schmankerl für die Publikums-Ohren gedacht war, passt zum dunklen, an der Spätromantik orientierten Klang der Dortmunder. Unter Feltz begaben sie sich auf die Suche nach dem immer schöneren Ton, allen voran Konzertmeister Alexander Prushinskiy in dem ausgreifenden Solo. Gegen Ullmanns Vitalität aber klangen Strauss’ Ego-Reflexionen eher nach Zinnsoldatenparade.

Quelle: wa.de

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