Dortmunder Theater zeigt Theresia Walsers „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“

Aussprache unter Schauspielern: Alexandra Sinelnikova, Uwe Rohbeck und Ekkehard Freye (rechts) in dem Theresia-Walser-Stück „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“.

DORTMUND Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi – eigentlich kann Franz Prächtel die ganz Großen, die ganz Humanen der Menschheitsgeschichte spielen, sagt sein Kollege Peter. Aber Franz hat nun mal den Hitler gespielt, den Diktator, den Massenmörder, den Rassisten, das Monster schlechthin. Was das für einen Schauspieler bedeutet, thematisiert Theresia Walser in ihrem Drei-Personen-Stück „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ (2006).

Im Studio des Theater Dortmund wird Walsers Gesprächsrunde zugespitzt. Neben den Hitler-Theater-Darstellern Franz und Peter ist Ulli, der Goebbels-Film-Darsteller, hier eine Frau. Alle drei warten auf die Moderation, die aber nicht kommt.

Im Studio hat Susanne Priebs (Bühne) einen runden dunkeln Tisch platziert. Schwarzweiße Op-Art-Bilder und ein kreisrundes Neonlicht unter der Decke schaffen eine kühle Atmosphäre. Hier wird jedes Wort wichtig, hier kann eine Bewegung zur Störung ausarten. Uwe Rohbeck ist als Franz ein Stammhalter des wortmächtigen Sprechtheaters, das in die Jahre gekommen ist. Mit einer Darstellerin im Stück erhält seine Selbstgewissheit etwas Chauvinistisches. Rohbeck richtet die Figur an einer klassischen Spielauffassung aus. Demenzielle Aussetzer werden komödiantisch überspitzt. Rohbeck schneidet Grimassen, ergeht sich in Monologen und profiliert den kauzigen Franz. Sein Stolz wirkt anachronistisch. Den weißen Feldherrenmantel mit Hakenkreuz trägt er wie eine Auszeichnung. Da ihn Peter unterstützt, fühlt er sich unantastbar – im Warteraum. Schrullig.

Peter wird von Ekkehard Freye anfangs noch als Vermittler gegeben. Mit asymmetrischem Haarschnitt, Glitzerjacke und Reiterhose wirkt seine Hitler-Figur modisch und zeitlos. Mit Puschelstrapsen und Federboa legt Freye eine Revueeinlage hin. Er habe Hitler nicht als Menschen gezeigt, ist sein Credo: Alles nicht so wichtig, liebe Leute.

Richtig konfliktreich wird die Inszenierung, als Ulli erzählt, wie sie nackt mit ihren Zähnen Seiten aus dem Koran reißen musste. Ihr nächstes Projekt ist Shakespeare mit sieben Hamlets. Alexandra Sinelnikova stemmt sich mit neuem Regietheater gegen die Männerdominanz: kraftvoll, laut, unabhängig. Hamlet muss aktualisiert werden, so dass mit „Tropf-Tropf“-Geräuschen der schmelzende Gletscher hörbar wird, also die Umweltproblematik. Das wird inbrünstig ergänzt: Welt verändern, künstlerische Freiheit, Rollenwechsel, das Publikum und wir. Sinelnikova steigt zu den Zuschauern – es wird anarchisch.

Regisseur Thorsten Bihegue dimmt das Chaos wieder runter. Drei Darsteller stellen ihre Theaterwelt vor. Sie haben ihre Eitelkeiten, ihre Storys, und sie haben etwas Vergebliches. Ganz viel Applaus.

1., 9., 14. Juni, 7. Juli; Tel. 0231 / 5027 222; www.theaterdo.de

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