Im Dortmunder „Tatort“ streiten zwei Mütter

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Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann, Mitte) mit Eva Dehlens (Maren Eggert) und Jonas Stiehler (Patrick Mölleken) im Dortmunder „Tatort“.

Von Ralf Stiftel Plötzlich kommt Kommissar Faber nicht mehr klar. Er kann sich nicht mehr in Täter einfühlen. Da kann er sich mit einer Flasche Doppelkorn auf den Boden des Büros setzen und immer wieder vor sich hinmurmeln. Da kann er am Dortmunder Hafen in die Nacht brüllen. Die Intuition ist weg.

Der achte Dortmunder Tatort „Hundstage“ spielt antizyklisch im Hochsommer, mitten in einer Hitzewelle. Alle schwitzen, trinken, sind gereizt. Und Faber (Jörg Hartmann) hat die Dienstaufsichtsbeschwerde seines jungen Kollegen Kossik am Hals. Sie trägt ihm den Besuch beim Psychologen Lech (Roland Kukulies) ein. Eine Frage löst die Sinnkrise aus: „Warum sind sie Polizist geworden?“ Faber antwortet auf seine Weise: Er geht.

Aber die Frage wirkt nach, auch als er am Hafen Schüsse hört. Eine Ertrinkende kann er aus dem Hafenbecken retten. Ein Mann, der Unternehmer Max Dehlens, erliegt aber im Wasser einer Kugel. Auf die Frau im Wasser, Judith Stiehler, fällt ein Verdacht. Hat der Kommissar eine Mörderin gerettet? Faber versucht verzweifelt, seine Fähigkeit wieder zu aktivieren. Aber der Instinkt ist gelähmt.

Bald finden sich Verbindungen zwischen den Familien: Die Witwe Dehlens (Maren Eggert) glaubt, dass ihr Sohn vor 14 Jahren entführt wurde – von der Geretteten. Und sie will ihren Tommy auf der Straße wiedererkannt haben, in Jonas Stiehler (Patrick Mölleken), der aber die Patchworkfamilie um die Kassiererin (Anne Ratte-Polle) und den Afghanistan-Veteran (Dirk Borchardt) nicht verlassen will. Kommissarin Bönisch (Anna Schudt) hatte damals erfolglos im Entführungsfall ermittelt, und auch sie ist gehandicapt in der Mordsache, durch ihre Schuldgefühle.

Jetzt sind die jungen Kommissare gefordert, und tatsächlich deutet sich eine Entspannung an nach der gescheiterten Liebesaffäre zwischen den beiden. Regisseur Stephan Wagner (schon mit drei Grimme-Preisen ausgezeichnet, u.a. für „Der Fall Jakob von Metzler“) und Autor Christian Jeltsch finden in ihrem ersten Dortmund-„Tatort“ eine gute Balance zwischen Fall und Privatleben der Ermittler, zwischen Tragik und heiteren Momenten. Nora Dalay (Aylin Tezel) und Kossik (Stefan Konarske) äffen einmal die Spiele nach, in denen Faber und Bönisch sonst Fälle rekonstruieren. Am Ende lachen sie, ihre Stärken liegen anderswo. Faber und Bönisch wiederum stärken sich an der Frittenbude, auch mit mehreren „lecker Pils“, und fast führt ein Kuss zu mehr. Fast kommt Harmonie auf im Team, müsste man sich nicht über den Alkoholkonsum von Kossik sorgen, der in seiner Stammkaschemme schnell beim zehnten Bier landet.

Diesmal kommt der Dortmunder „Tatort“ ohne den Blick auf soziale Brennpunkte aus und ohne den Besuch beim türkischen Gangsterboss. Zwar nervt Faber auch hier, zum Beispiel einen Flüchtling, der etwas gesehen hat. Aber vieles wird leiser erzählt, beiläufig, wenn zum Beispiel Bönisch die Melancholie über das Zerbrechen ihrer Familie am Ascheplatz auslebt, wo gerade Jugendkicker trainieren, und dann der Kriegsversehrte Stiehler mit der Krücke heranhumpelt – und über die Absperrung springt. Ohne die Kriegswunde wäre der Mann topfit. Und schon der Blick auf das kleine Haus in der Zechensiedlung mit der abgeplatzten Farbe am Türrahmen zeigt, wie ärmlich das Familienidyll der Stiehlers tatsächlich ist.

Die Lakonie macht die Stärke dieses Films aus. Kurze Szenen zeigen die Befindlichkeit der Ermittler, den Schmerz der Hinterbliebenen, familiäre Spannungen. Das ist wieder großartig gespielt, nicht nur vom Ermittlerteam um Jörg Hartmann, sondern auch von den Gastdarstellern.

Maren Eggert und Anne Ratte-Polle haben große Intensität, und auch Kukulies gibt dem überheblich-routinierten Psychologen präzise Konturen (zum Beispiel in einer weiteren Nachahmung von Fabers Verhalten). Es gibt keine umständlichen Erklärungen, der Zuschauer sieht und muss sich seine eigenen Gedanken machen. Die Sommerschwüle wird in Bildern voll fahler Helligkeit eingefangen, Irmin Schmidt schuf einen spröden ungemütlichen Soundtrack. Sehr sehenswert.

Sonntag, ARD, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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