Die Dortmunder Fotografin Annelise Kretschmer in Iserlohn

Gedankenversunken: Annelise Kretschmer fotografierte ihre Tochter 1940. - Fotos: Katalog

ISERLOHN - Gedankenversunken blickt Tatjana in die Ferne. Die Zehnjährige scheint gerade in ihre eigene Welt versunken. Ein Kinderfoto fernab jeder Niedlichkeit, ohne Verklärung, buchstäblich auf Höhe der weit geöffneten, wachen Augen.

Auch wenn sie ihre eigene Tochter fotografierte, wahrte Annelise Kretschmer den hohe ästhetischen Standard ihrer Arbeit. In diesem Foto von 1940 geht es um Erkenntnis, um psychologisches Durchdringen. Zu sehen ist das Bild in der Städtischen Galerie Iserlohn, in der Ausstellung „Annelise Kretschmer – Entdeckungen“.

Die Schau ist in Zusammenarbeit mit dem Käthe-Kollwitz-Museum in Köln entstanden, wo sie in etwas anderer Form vor zwei Jahren zu sehen war. Aber jetzt ist sie sozusagen in der Heimat angekommen. Annelise Kretschmer (1903–1987) lebte und arbeitete in Dortmund. Sie eine der besten Fotografinnen der Weimarer Zeit zu nennen, könnte missverstanden werden, so viele Frauen gab es in dem Beruf damals nicht. Und ihre Arbeit hält dem Vergleich mit ihren männlichen Kollegen allemal stand. Ungewöhnlich genug für die Zeit: Die Tochter aus gutbürgerlichem Haus besuchte nicht nur die Kunstgewerbeschule in München, sie absolvierte auch eine Ausbildung bei Fotografen in Essen und Dresden. 1926 trat sie der Berufsorganisation „Gesllschaft Deutscher Lichtbildner“ (GDL) bei. Sie arbeitete für Zeitschriften, zeigte ihre Bilder unter anderem im Salon International d‘Art Photographique in Paris. 1928 heiratete sie den Bildhauer Sigmund Kretschmer. Das Paar fand zu einer modernen Rollenverteilung: Sie verdiente mit der Fotografie das Familieneinkommen, er kümmerte sich um die Kinder.

Annelise Kretschmer war erfolgreich, ihre Bilder beliebt. Nach 1933 wurde sie angefeindet, weil ihr Vater Jude war. Ein Schaukasten ihres Ateliers wird beschmiert. Sie wird aus der GDL ausgeschlossen. Ihr Publikum, überwiegend aus dem Dortmunder Bürgertum, hält ihr aber die Treue. Sie tritt der Deutschen Arbeitsfront bei und darf ab 1936 sogar ausbilden. Zwischenzeitlich lebt die Familie in Worpswede und ab 1943 im Breisgau. Das Atelier in Dortmund wird ausgebombt. Nach dem Krieg arbeitet sie weiter, hat sogar Ausstellungen im Museum am Ostwall und fünf Jahre vor ihrem Tod eine Retrospektive im Essener Museum Folkwang.

Trotz dieser späten Würdigung ist Annelise Kretschmer noch zu entdecken. Ihre Bilder sind geschult an der modernen Kunst, die ihr Vater sammelte. Ungewöhnlich sind ihre Bilder von Frauen, die sie vor allem als selbstbewusste Personen porträtiert. Beim „Mädchenkopf“ (um 1931) rückt sie dem Modell nah, fokussiert auf den Blickkontakt, wählt den engen Anschnitt. Wären ihre Fotos bekannter, könnten ein Bild wie die Modefotografie der „Jungen Frau“ oder ihr Selbstbildnis (beide 1929) Ikonen eines modernen Frauenbilds sein. Immer wieder nimmt sie ihre Familie auf, magisch geradezu ist das Porträt ihrer Tochter Nina mit einem Brummkreisel (1943). Und wunderbar spontan ist die Aufnahme von Tatjana, die mit einer Freundin im Schnee liegt.

In der Nachkriegszeit hatte Kretschmer einen guten Kontakt zu Leonie Reygers, der Direktorin des Museums am Ostwall, für die sie Künstler fotografierte. So entstanden einige markante Bilder wie Porträts von Künstlern wie Walter Dexel und Günter Fruhtrunk, die sie vor Kunstwerken zeigt. Sie hat ein Gespür für den prägnanten Augenblick, wenn sie zum Beispiel den Kulturattaché der Universität Amsterdam bei der Eröffnung einer De-Stijl-Ausstellung aufnimmt, als blicke er zufällig gerade vom Katalog auf. Den Chefkurator des Louvre modelliert sie in leichter Untersicht, mit Gegenlicht, so dass François Mathey verschmitzt aussieht wie ein Cousin Heinz Erhardts. Den Fotografen Albert Renger-Patzsch porträtiert sie 1962 in seinem Atelier am Möhnesee im Profil wie einen scharfsichtigen Vogel.

So geben rund 50 Bilder, alles Vintage-Prints, überwiegend aus dem Nachlass, einen einprägsamen Querschnitt durch das Werk einer Fotografin, die stets erfrischende, originelle und überraschende Bildlösungen fand.

Bis 27.10., mi – fr 15 – 19, sa 11 – 15, so 11 – 17 Uhr, Tel. 02371/ 217 19 40, www.iserlohn.de/kultur/staedtische-galerie/, Katalog, Emons Verlag, Köln, 19,95 Euro

Quelle: wa.de

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