Dortmunder Ballett „Krieg und Frieden“

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Eine neue Verbindung gehen Lisa (Jelena-Ana Stupar) und Pierre (Mark Radjapov) ein. Szene aus dem Ballett „Krieg und Frieden“ an der Oper Dortmund.

Von Edda Breski -  DORTMUND In dieser Saison untersucht das Ballett Dortmund Schattierungen des Totentanzes. Auf die Premiere von „Geschichten aus dem Wiener Wald“, einer Erzählung über ein von den Toten zurückgekehrtes gefallenes Mädchen nach Horvath, folgte jetzt die Neufassung von „Krieg und Frieden“.

Ballettchef Xin Peng Wang schuf das Ballett nach dem Tolstoi-Roman 2008 und nahm es sich noch einmal vor: ein dichtes Stück über ein Liebesdreieck, dessen enge Dimensionen durch den Krieg vergrößert und entindividualisiert werden.

Die Flanken des Dreiecks bilden die Frauen: Natascha (Monica Fotescu-Uta), ein lebenswütiges Mädchen, und Lisa (Jelena Ana Stupar), konventionell verheiratet und unglücklich in ihren Mann verliebt. Der Scheitelpunkt ist der Mann: Fürst Andrej (Mark Radjapov), der Halt im Krieg sucht. Dramaturg Christian Baier zitiert im Programmheft die Szene aus Tolstois Buch, in der Andrej auf die Schlacht wartet und sich Ruhm und Liebe ersehnt, aber so, als fühle er sich selbst kaum. Darüber kommt auch Wangs Andrej nicht hinweg. Er zieht in den Krieg, eine männerbündlerische Veranstaltung. Wang hat ausschließlich zu Musik von Dimitry Schostakowitsch choreografiert. Der erste Satz der 7. Sinfonie legt zunächst einen heiteren Firnis über den Heereszug, der mit einer wuseligen Lager-Szene beginnt und in einem gewaltigen Todesmenuett endet, einer groß angelegten Massenszene, die den Blitz und Donner am Ende gar nicht unbedingt gebraucht hätte. Gelegentlich zitiert Wang sowjetische Propagandaballette mit heldischen Posen, Fallhöhe schafft er mit Schauer-Humor. Beibehalten wurde das Bühnenbild von Bernd Damovsky mit den Waschkauen-Körben, die als grafische Elemente oder Raumteiler eingesetzt werden und auf die Kohle- und Stahlindustrie verweisen, die hinter zu vielen Kriegen treibend tätig war. Noch beeindruckender: die Lichtregie von Detlef Plümecke, die den Raum in geometrische Figuren einteilt.

Schostakowitschs Musik bündelt Wangs Handlungsdestillat und liefert den Kommentar. Die militärparodistischen Rhythmen marschieren direkt in den Tango aus dem Ballett „Das goldene Zeitalter“, von den Dortmunder Philharmonikern unter Philipp Armbruster wie alles andere markig und markant gespielt. Wang übersetzt Tangoästhetik bruchlos in den neoklassischen Stil, auf den er seine Truppe eingestellt hat. Monica Fotescu-Utas Natascha leuchtet vor Selbstzufriedenheit in Andrejs Armen.

Später folgt ein Duett zwischen Andrej und Lisa, die Jelena Ana Stupar mit starren, zackigen Gesten als leidende Frau darstellt. Der Abschied des Ehepaars ist ergreifend, weil Wang die Tragik der Szene doppelt: Die verlassene Lisa muss in Ungewissheit auf ihren im Krieg weilenden Mann warten, sie ist auch eine betrogene Frau. Diese Szene wiederum löst sich auf in den dramatischen Abschied zwischen Natascha und Andrej. Von ihr reißt er sich los, um in einem bombastischen Marsch in den Krieg zu ziehen. Die Filmmusik aus dem Propagandafilm „Soja“ wiederholt Wang im zweiten Teil, um Andrejs Todeskampf zu untermalen. Radjapov beherrscht für ein paar Minuten völlig die Bühne. Dies ist die erste von zwei Ellipsen der Handlung. Die zweite zeigt Wang zum Schluss. Andrej ist tot, an seine Stelle tritt im Dreieck Pierre (Alysson da Rocha Alves).

Das Ballett mit seiner düsteren Kriegsvision lässt sich gerade jetzt politisch lesen. Man kann auch fragen, weshalb der neue Dortmunder Star Dimitry Semionov nicht tanzte. Aber Wangs „Krieg und Frieden“ weist über den Einzelfall hinaus, weil es den Ur-Wunsch nach Liebe und Leben mit einer Untersuchung ihrer existenziellen Bedrohung verbindet.

Totentanz und Walzer-Nostalgie verweisen in diesem Sinne auf „Geschichten aus dem Wiener Wald“. „Krieg und Frieden“ ist ein dunklerer, mächtiger Abend, dem man mehr Zuschauer wünscht als am Premierenabend, an dem das Haus zu etwa zwei Dritteln gefüllt war.

Das Ballett

Die Auswirkungen des Krieges manifestieren sich in einem Dreiecksverhältnis und darüber hinaus. Ein dunkler und mächtiger Tanzabend.

Krieg und Frieden in der Oper Dortmund.

13., 19. April, 16., 28. Mai, 19. Juni; Tel. 0231/5027 222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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