Dortmund zeigt Mozarts „Entführung aus dem Serail“ im Kammerformat

Durch die Blume gesungen: Sopranistin Sooyeon Lee in der Partie der Blonde, im Hintergrund ihr Puppen-Pendant als Videoprojektion. Fotos (2): börn hickmann, stage picture

Dortmund – Blöd, dieses Happy End: Dass der Bassa Selim die beiden Liebespaare bloß begnadigt, statt sie spektakulär töten zu lassen, findet der Junge im Schlafanzug ganz schön langweilig. Er hört die Geschichte von der „Entführung aus dem Serail“ als Gute-Nacht-Geschichte.

Regisseur Nikolaus Habjan setzt sich in Dortmund über den glücklichen Ausgang der Mozart-Oper hinweg, die in seiner Inszenierung wie ein kindgerechter Schnell-Schluss zur Schlafenszeit wirkt. Und deshalb stirbt das Quartett doch noch, erwürgt von schwarzen Händen aus dem Hintergrund.

Zu sehen ist das als überdimensionale Videoprojektion, und die Protagonisten sind kniehohe Puppen auf einer Drehbühne im Vordergrund. Am Rand stehen fünf Sängerinnen und Sänger, im Orchestergraben ein knappes Dutzend Musiker unter der Leitung von Motonori Kobayashi. Kleiner, kürzer, ausgedünnt – so geht Oper unter Corona-Bedingungen. Die Einschränkungen, die die Hygienebestimmungen für den Bühnenbetrieb bedeuten, werden von Regisseur und Puppenführer Habjan pfiffig überspielt mit teils vorproduzierten, teils live abgefilmten Szenen (Video und Bühne: Jakob Brossmann). Und auch aufgespießt: Der Dreiakter ist auf 75 Minuten zusammengeschnurrt, viele Arien und Ensembles hat Arrangeur Kobayashi gestrichen oder gestutzt, und diese Eingriffe werden ihm bald vorgehalten: Er hat kein „Land der Träume“ übrig gelassen.

Das kammermusikalische Format könnte trotzdem ein Gewinn sein, filigraner im Klang und in den zwiepältig schillernden Emotionen. Denn in der Musik regen sich bei den beiden Frauen sehr wohl Gefühle für ihre Entführer, und das ist nicht nur das Stockholm-Syndrom.

Konstanze (Irina Simmes souverän in der „Martern“-Arie) wehrt den Bassa Selim zwar genau so ab wie ihre Zofe Blonde (Sooyeon Lee) dessen Diener Osmin (Denis Velev). Aber Mozart unterlegt diese Abfuhren mit einem Sog betörender Uneindeutigkeit.

Davon ist hier nichts zu spüren, trotz engagierter Sängerinnen und Sänger. Und auch die Wiedersehensfreude, als mit Konstanzes Geliebtem Belmonte (Sungho Kim mit kultiviert bebendem Tenor) und Pedrillo (Fritz Steinbacher) die Befreiung aus dem Serail naht, leidet unter social distancing. Dazu klingt es aus dem Orchestergraben dürr, kühl und wenig homogen, auch das Klavier bringt kein Volumen.

Diese Probleme haben ihren Grund in den Corona-Auflagen, die eine Interaktion zwischen den Solisten verhindern, und in den Kürzungen. Aber es gibt weitere Schwierigkeiten: „Die Entführung aus dem Serail“ wird von Nikolaus Habjan von vornherein zum Bettkanten-Abenteuer verkleinert, Mozarts emotionale Hellsicht spielt schon deshalb keine Rolle mehr, auch nicht die humanistische Wendung des Bassa Selim. Dazu bleibt der Text meist unverständlich. Hier könnte eine Übertitelung helfen – schließlich soll die Produktion auch Familien ansprechen.

Das könnte mit den zauberhaften Puppen von Nikolaus Habjan und Marianne Meinl sehr wohl gelingen – auch wenn sich nicht jedes Kind mit den altklugen Wortklaubereien des nimmermüden Klappmaul-Jungen identifizieren wird („Eine Befreiungsgeschichte ist mehr als eine Fluchtgeschichte, weil draußen jemand auf einen wartet.“).

Enorm intensiv sind die Puppenspiel-Szenen, in denen die Kamera die „Serail“-Figuren vergrößert und beobachtet. Die Gesichter mit den kullergroßen Glasaugen verändern ihren Ausdruck, wenn Habjan ihren Kopf ein wenig neigt oder ihre Hand vors Gesicht führt: dann erstarrt der Bassa Selim bedrohlich, und Blondchens Koketterie glitzert.

3., 23., 24., 29., 30. Oktober; 1., 2. November

Tel. 0231/502 72 22 www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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