Dortmund zeigt „Männerhort“

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Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Sebastian Kuschmann (von links), Ekkehard Freye und Frank Genser im Studio des Schauspiel Dortmund.

Von Ralf Stiftel -  DORTMUND Die Pizzakartons der vergangenen Wochen reichen, um daraus einen Tisch zu bauen. Der Kühlschrank ist bis zum Anschlag mit Dosenbier gefüllt. Der Fernseher rauscht und knistert, zeigt aber in guten Momenten die Kicker vom BVB.

Da stören auch die Röhren und Räder nicht: Der vergessene Keller unter der Thier-Galerie ist eine Zuflucht für gestresste Kerle. Kein Terror shopping-wütiger Gattinnen. Hier darf ein Mann noch ein Mann sein.

Kristof Magnussons 2003 uraufgeführte Komödie „Männerhort“ gehört inzwischen zum Repertoire deutscher Bühnen, ein Publikumserfolg. Und auch am Schauspiel Dortmund wird das Studio voll sein, wo Jens Kerbel und Jennifer Whigham das Werk temporeich und mit einiger Lust zur Überzeichnung inszenieren. Die Premiere jedenfalls wurde gefeiert.

Das liegt gewiss auch am Text, der das Theaterpublikum einlädt, sich darin zu spiegeln. Die Dortmunder Version wurde passgenau den Verhältnissen des benachbarten Konsumtempels angepasst, bis hin zur Abfolge der Markenfilialen. Und wenn auch die eigene Frau nicht die weiße Hose gleich fünf Mal kauft wie Lars’ Frau Anne, so kennt jeder Mann Debatten darüber, ob die Bluse gut aussieht oder nicht. Das Rollenbild in diesem Stück ist ziemlich konventionell: Sie denkt an Fummel. Er an Fußball. Der Horizont dieses Stücks erinnert verdammt an die Programme eines Mario Barth mit seinen stereotypen Mann-Frau-Witzen. Aber die Pointendichte im ersten Teil, wo die vier Einkaufsflüchtlinge einander ihr Leid klagen, trägt über vieles hinweg. Ausstatterin Larissa Hartmann hat eine wunderbare Höhle mit Rohren und Reglern und Trägern ins Studio gebaut.

Und dann sind da vier Komödianten, die selbst den flaueren zweiten Teil des Stücks mit Vollgas über die Runden bringen. Ekkehard Freye spielt den Piloten Helmut, den pfiffigen Bastler, der am Anfang mit seiner selbstgelöteten Antenne umhergeht und sie einem Zuschauer in der ersten Reihe in die Hand drückt. Frank Genser hastet im Fahrraddress als Software-Autor mit Selbstzweifeln herein und hat schon mit der Turboschilderung der Einkaufstour seiner Connie das Publikum in der Hand. Sebastian Kuschmann gibt den Manager Lars als Aufreißer, der sich am Zweithandy mit tiefer gelegter Stimme verabredet, während seine Anne, die angeblich die offene Beziehung duldet, am anderen Telefon mit Selbstmordversuchen droht. Und Andreas Beck fällt als prolliger Feuerwehrmann Mario mit Ossi-Zungenschlag und Vokuhila-Frisur in diesen Club der Shopping-Opfer.

Wenn dieses Quartett mal wieder etwas vor der Tür zu hören glaubt und Deckung sucht, dann fallen sie in Vorstufen des Menschen zurück, kreischen und grunzen. All die Posen werden demontiert, die Kerle entpuppen sich als arme Würstchen. Später, als Mario von seiner Marion vor die Tür gesetzt wurde, nimmt er ein Spielzeugfeuerwehrauto als Kuscheltier mit aufs Sofa. Im Grunde sind sie alle Kinder, kleine Jungs, die der Dominanz ihrer Partnerinnen nichts entgegenzusetzen haben. Die Schauspieler machen daraus ein Spektakel mit vollem Körpereinsatz, so dass man alle Vorbehalte einfach weglacht.

27.9., 9., 18.10., 1., 17.11.,

Tel. 0231/50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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