In Dortmund improvisiert Kay Voges als Regie-DJ „Das Goldene Zeitalter“

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Manchmal tanzen sie auch: Szene aus dem „Goldenen Zeitalter“ in Dortmund mit Carlos Lobo, Björn Gabriel, Uwe Schmieder, Merle Wasmuth und Eva Verena Müller (von links).

Von Ralf Stiftel DORTMUND  - Wenn der Zuschauer hereinkommt, laufen sie schon im Tretrad im Theater Dortmund. Carlos Lobo, mit blonder Perücke und knapper Schuluniform wie die Heldin eines japanischen Manga ausgestattet, tritt aus einer Schiebetür, wendet sich nach rechts, geht in staksigen Schritten, wie eine Maschine, die Stufen herab, wendet sich nach links, weitere Stufen, bis zu einer Tür, vor der er kurz die Füße abtritt, ehe sie sich öffnet und er verschwindet und oben Björn Gabriel erscheint. Während sie das tun, zählt eine Automatenstimme unerbittlich von 1 bis 99, dazwischen folgt ein kurzer Rhythmus, der den Takt der Schritte vorgibt. Erst ist immer ein Darsteller unterwegs, dann zwei, dann mehr. Ein endloser Kreislauf. Nietzsche gab das Motto vor, lange vor Hollywood: „Und ewig rollt das Rad des Seins.“

Man muss Geduld mitbringen für „Das Goldene Zeitalter“, mit dem Schauspieldirektor Kay Voges die Saison eröffnet. Ein geschlossenes Drama ist das nicht, sondern eine neue Spielform. Der Regisseur sitzt im Saal und montiert aus vorbereiteten Passagen und Improvisationen einen Abend, der jedesmal anders ausfällt, der bei der Premiere drei Stunden bot, aber auch länger oder kürzer ist. Der Text von Voges und seinem Dramaturgen Alexander Kerlin kombiniert Auszüge von Tschechow, Nietzsche, Goethe, Joghurt-Reklame, Schlager zu einem Gesamtkunstwerk über „100 Wege, dem Schicksal die Show zu stehlen“. Der Videokünstler Daniel Hengst filmt live und spielt die Bilder ein. Der Bochumer Musiker Tommy Finke bietet wie ein DJ einen Soundtrack.

Ist unser Leben eine Endlosschleife, eine Wiederholung der ewig gleichen Momente? Gibt es Originalität, Freiheit, Ziele? Das verhandeln Voges und seine Akteure jedes Mal anders. Im einen Moment spricht Lobo noch leise Heines Utopie: „Das Goldne Zeitalter liegt nicht hinter uns, sondern vor uns.“ Da kommt ein rosa Duracell-Hase, läuft den Blondinen auf der Treppe entgegen und wird heruntergestoßen. Nach einer Weile ruft Voges: „Der Hase ist nicht lustig.“ Er muss von der Bühne. „Erschieß ihn“, kommandiert der Regisseur den Musiker, der es krachen lässt, worauf das Reklame-Tier umfällt. So endet eine kurze Auflehnung gegen das Schicksal. Gott ist ein Regisseur. Und „Zott ist tot“, veralbert das Stück den großen Nihilisten.

Dem Abend geht es wie dem Hasen: Er ist (noch) nicht immer lustig, läuft nicht immer rund. Voges riskiert etwas, da kann er auch scheitern. Aber schon jetzt zeigt er, wie Theater sich behauptet in der Konkurrenz immer neuer Ausdrucksformen. Videospiele sollen Kunst sein, Internetanimationen und digitale Parallelwelten. Aber dieser Abend zeigt ganz andere Möglichkeiten.

Es ist schon großartig genug, wie Merle Wasmuth aus dem Chaosmodus runterschaltet und eine Passage der Verzweiflung aus Tschechows „Drei Schwestern“ rezitiert. Später rutscht Eva Verena Müller als grüne Raupe über die Bühne, mümmelt Salat, verkündet piepsend die lebensfrohe Befriedigung dieser Seinsweise und sabotiert die Ansagen der Regie, doch jetzt mal bitteschön zu singen. Hinreißend deuten sie und Carolin Hanke im rundlichen Nacktpuppenkostüm die Geschichte von Adam und Eva neu („Iss doch mal was.“ – „Nein, ich möchte nicht.“).

Zombies (aus einem Splatterfilm-Klassiker) bejubeln Markenqualität, ein Sisyphus in einem anatomischen Muskelkostüm stemmt den Stein, Uwe Schmieder schnarcht als deutscher Michel und philosophiert aus der Toilette, nachdem der Regisseur jetzt „etwas Nettes“ gefordert hat. Ein Comic-Mädchen mit Maschinengewehr fühlt sich als Individuum und ballert den „Problem-Peer“ weg, der donnernd herausbrüllt, dass Gott die Wiederholung gewünscht hat. Am Küchentisch spielen sie Tagesschau und bejammern in Versen gefallene Idole wie Kachelmann und den abtrünnigen Mario Götze. Immer wieder grüßen die Beatles mit ihrer Zeile „Number Nine“. Und dann kommt der Beuys-Chor mit dem großen „Ja ja ja ja ja, nee nee nee nee nee.“

Im Laufe des Abends findet Voges seinen Rhythmus. Er nimmt Publikumsreaktionen auf. Und der Bilderrausch aus Wiederholungen und unvermittelten Überraschungen wird immer unterhaltsamer. Das Publikum kann sich am Ende nicht mit Applaus bedanken. Der Vorhang fällt einfach, und dann erscheint: „Fortsetzung folgt...“ Hier werden Fehler gemacht. Aber es gelingen auch Bilder und Szenen, die man so noch nicht auf der Bühne erlebt hat. Sie lohnen allemal einen Besuch.

Das Goldene Zeitalter am Theater Dortmund, 21.9., 9., 17.10., 17.11., 4., 21.12.,

Tel. 0231/ 50 27 222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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