Doppelausstellung „Fluxus“ und „Sounds like Silence“ in Dortmund

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Schweigt in Hein-Godehart Petschulats Video: Der frühere Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUNd–In der Ecke stehen Besen, Eimer und Wischlappen. Am Besenstiel hängt ein Schild: „Bin in 10 Minuten zurück, Mona Lisa.“ So kann George Brecht jedem Museum seine Gioconda verschaffen, ohne dem Louvre etwas zu nehmen: als pausierende Putze. 1969 schuf der Künstler seine hintersinnige Installation. Nun ist sie im Museum Ostwall im Dortmunder U zu sehen, in der Ausstellung „Fluxus – Kunst für alle!“

Dies ist das Jahr der Jubiläen. 100 Jahre alt wäre der amerikanische Komponist John Cage geworden, der die entscheidenden Anstöße für die Fluxus-Bewegung gab. Und die erste Manifestation von Fluxus war 1962 im Museum Wiesbaden, 14 Konzerte mit Joseph Beuys, Nam June Paik, George Maciunas und anderen. Das Dortmunder Museum hat einen zusätzlichen Anlass für eine große Präsentation: Der Verein der Freunde des Museums half beim Ankauf einer großen Werkgruppe aus der Sammlung Feelisch. Zusätzlich kommt als Dauerleihgabe ein Konvolut aus dem Nachlass des Sammlers und Mäzens Hermann Braun ins Haus, das damit endgültig zum internationalen Top-Standort für Fluxus-Kunst wird, wie Direktor Kurt Wettengl betont. Schon um 1970 gab es Kontakte zwischen dem damaligen Museum am Ostwall und Fluxus-Künstlern.

Rund 300 Werke sind in der Ausstellung, und sie zeigen den Witz, die Gedankentiefe und die provokative Kraft der Bewegung. Der VICE-Versand zum Beispiel vertrieb Kunstwerke für die Massen. Daniel Spoerri hatte Glaskonserven mit Rollmops umetikettiert: „Attention Oeuvre d‘Art“ (Achtung Kunstwerk, 1968). Wie gefährlich das sein konnte, erzählt der Sammler Wolfgang Feelisch: Ein Kunstfreund hatte sich das Glas ins Buchregal gestellt. Der Inhalt begann zu gären, sprengte den Deckel ab und entlud sich als stinkende Brühe über das Regal. Dabei hatte Spoerri seine Arbeit ausdrücklich als „begrenzt haltbar“ gekennzeichnet.

Die Fluxus-Künstler arbeiteten mit Alltagsmaterialien, die sie mal provokativ, mal witzig umdeuteten zu einer Ideenkunst. Robert Watts verchromte Zahnbürsten, Eierkartons, Hamburger und verlieh den profanen Dingen edlen Silberglanz. Beuys signierte 1978 eine Wurstpappe: „Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung“. Allan Kaprow hatte 1968 für das Museum am Ostwall die Installation „Fresh Air“ geschaffen. Ein Remake davon ist in Dortmund zu sehen: Ein Stuhl vor einer Wandnische mit Blumentapete. Mit einem Ventilator kann sich der Besucher erfrischen lassen.

Unter musealen Bedingungen lassen sich solche Arbeiten nur eingeschränkt genießen. Anfassen ist verboten, auch beim „Finger Book“ (1982) von Alison Knowles. Das Objekt ist mit Auszügen aus Büchern der Yoruba, der Inka, der Veden und sumerischer Tontafeln beschrieben, es gibt Partien in Blindenschrift, und eigentlich müsste man es ertasten. Doch auch als Seh-Objekt hat die Arbeit auf einem Tisch großen Reiz.

Auch Wolf Vostells Environment „Umgraben“ (1970) wird wohl nicht benutzt, obwohl am Erdkasten Stiefel und Spaten bereit stehen. Einst ging es darum, Grabgeräusche aufzunehmen und zu reproduzieren. Die Arbeiten der Fluxus-Künstler sprengen oft die Grenzen zwischen den den Disziplinen, Klang und andere Sinne sind einbezogen, wie viele Werke sich durch das Mitdenken des Betrachters erst vollenden.

Eine grandiose Ergänzung zur Ausstellung bildet die Schau „Sounds like Silence“ des Hartware Medienkunstvereins im U. Die Kuratoren Inke Arns und Dieter Daniels nahmen die wohl berühmteste Komposition von John Cage, 4‘33‘‘, als Ausgangspunkt. Das Musikstück, eben vier Minuten 33 Sekunden Stille in drei Sätzen, „erklingt“ in verschiedenen Versionen in Videos. Das BBC Symphony Ochestra bietet einen meditativen Akt, der den Hörer in der Stille auf die Wahrnehmung der Umgebung verweist. Im Dezember 2010 führte Harald Schmidt das Werk in seiner Show mit Helge Schneider auf, als vierhändiges Klavierstück – da wird Cages Werk vielleicht zur Mediensatire, vielleicht auch zur flachen Comedy. Eine Gruppe englischer Popmusiker protestierte als „Cage Against The Machine“ 2010 gegen die banalen Hits der Castingshow-Kandidaten und brachte ihre Einspielung mithilfe von YouTube und Facebook immerhin auf Platz 21 der Charts.

Cages 1952 uraufgeführtes Werk inspirierte zahlreiche Kollegen bis in die Gegenwart. Die Ausstellung zeigt und spielt Hommagen von Heinrich Böll („Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“), Yves Klein, Nam June Paik und vielen anderen. Von Robert Rauschenberg sind vier monochrom weiße Bilder zu sehen, das visuelle Äquivalent zum stillen Stück, sowie ein Selbstporträt mit den Gemälden. Eine Installation von Bruce Nauman zeigt dessen leeres nächtliches Studio mit Umgebungsgeräuschen und Auftritten einer Katze und eines Nachtfalters.

In die aktuelle Medienwelt überträgt Hein-Godehart Petschulat das Motiv. Er filmt im Originalstudio Ulrich Wickert, den früheren Moderator der ARD-Tagesthemen, der das Publikum begrüßt – und dann fünf Minuten lang schweigt.

Fluxus – Kunst für alle im Museum Ostwall, Sounds Like Silence im Hartware Medienkunstverein, Dortmunder U, 25.8.–6.1.2013; di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0231/ 50 247 23,

http://www.museumostwall.dortmund.de, http://www.hmkv.de

Katalog „Sounds like Silence“ 25 Euro

Quelle: wa.de

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