Dominique Horwitz spielt „Cyrano de Bergerac“ bei den Ruhrfestspielen

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Gleich wird‘s nass: Szene aus „Cyrano de Bergerac“ bei den Ruhrfestspielen mit Julian Horeyseck, Jürgen Uter und Dominique Horwitz in der Titelrolle (von links). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ RECKLINGHAUSEN–Am Anfang denkt man, im falschen Stück zu sein: Kattrin Michel hat eine chromblitzende Großküche auf die Bühne des Festspielhauses in Recklinghausen gestellt, in der Hilfsköche, Saucenanrührer und Kellner umhereilen.

Vielleicht wurde das Stück ausgetauscht: Die Bühnenfassung von „Ratatouille“ statt des Mantel-und-Degen-Klassikers „Cyrano de Bergerac“? Aber nein, bald schon erkennt man den Text. Und wenn auch Dominique Horwitz mit weißen Stiefeln und Metzgerschürze recht unheroisch aussieht. Der Zinken, der nun sein kurzgeschorenes Haupt mit den bekannten Stehohren ziert, markiert unverkennbar den Schöngeist mit der hässlichen Gestalt aus Edmond Rostands Bühnenklassiker.

Eigentlich ist das Stück unverwüstlich. Wer halbwegs unfallfrei die großen Monologe aufsagen kann, dazu ein wenig schmachten und ein wenig fechten, der hat den Beifall sicher. Beifall gab es für die pausenlosen 135 Minuten in Recklinghausen reichlich. Man feierte den prominenten Schauspieler. Aber die Inszenierung ging gründlich daneben.

Natürlich spielt das Essen an einigen wichtigen Stellen des Stücks eine zentrale Rolle. Aber die Geschichte des hässlichen Dichters und des hirnlosen Schönlings, die mit vereinten Kräften die geliebte, kapriziöse Roxane erobern, die ist im Schlachtfeld der Spitzen-Cuisine schlicht am falschen Platz. Dominique Pitoiset, französischer Regisseur dieser Co-Produktion der Ruhrfestspiele mit dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg, will dem Stück mit dem Bühnenbild eine zweite Geschichte unterlegen. Eine dumme Idee! Wie willkürlich das alles ist, merkt man schon daran, dass Roxane im 4. Aufzug nicht mehr die derben Sachen einer Küchenhilfe trägt, sondern ein kitschig-rosa Abendkleid. Und der lüstern-schuftige Graf Guiche vertauscht ebenfalls nach kurzer Zeit Kochjacke mit einem historisierenden Harnisch.

Aber auch in den Details ist das alles so grobschlächtig, so fern der Grundidee des Cyrano. Im anfänglichen Degenduell mit dem beleidigenden Valvert, wo der Held beim Fechten die berühmte Ballade dichtet („Denn beim letzten Verse stech ich“), da setzt Horwitz eben nicht auf Eleganz in Sprache und Bewegung, sondern setzt dem Beleidiger mit dem Schrubberstiel nach, wirft ihn auf einen Tisch, pfeffert und salzt und stopft ihm einen Apfel in den Mund, als wäre er ein Spanferkel. Abgehackt kommen die Zeilen, der Rede fehlt der Fluss, der hier den Witz bedeutet. Cyrano sticht eben nicht, sondern prügelt. Dass er am Ende das Gesicht seines Gegners auf der Herdplatte versengt, ist ebenso brutal wie unnötig.

Cyrano in Metzgersstiefeln, der immer wieder den Feudel schwingt, das ist einfach zu viel der Profanisierung. Dabei findet Horwitz durchaus auch leisere Töne, gerade in den romantischen Momenten mit der Roxane von Anne Schäfer. Die Balkonszene, die uns nun als Skype-Gespräch mit Großbildschirm geboten wird, die kommt wirklich charmant daher. Im übrigen bleibt den Darstellern an Horwitz' Seite wenig Raum. Der Graf Guiche des Hanns Jörg Krumpholz chargiert, was das Zeug hält. Aleksandar Radenkovic spielt den schönen, tumben Christian, als müsste er gar nicht spielen, so hölzern und unbeweglich sagt er den Text auf. Jürgen Uter, der in Kellnersfrack vor allem den Castel-Jaloux mimt, hat immerhin einen schönen Auftritt, wenn er die Gascogner mit Liedern der Heimat den Hunger vergessen lässt. Ein Duo unterlegt das Spiel angenehm mit Chansons auf Trompete und Akkordeon.

In dieser Inszenierung spielen sie eine wunderbare Komödie, in der Esprit alles entscheidet, als krachledernen Bauernschwank. In der Haute Cuisine sieht der Gast eben lieber nicht, was in der Küche passiert.

Quelle: wa.de

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