documenta 13 "voller Überraschungen"

Kassel - Fast 300 Teilnehmer werden Kassel bei der am Samstag startenden und 100 Tage dauernden documenta 13 wieder in das Mekka für zeitgenössische Kunst verwandeln.

Während frühere Ausgaben der Kunstschau oft mit ätzender Kritik und Spott überzogen wurden, wird die 13. Ausgabe als abwechslungsreich, inspirierend und durchdacht gewürdigt. „Diese Documenta steckt voller Überraschungen“, schrieb „Die Welt“ (Donnerstag). „Sie lohnt den Besuch, lohnt die Beschäftigung mit ihr. Auf hoch respektable Weise setzt sie die Geschichte des stolzen Ausstellungsformats fort.“

Obwohl documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev angekündigt hatte, die klassische Definition von Kunst stark auszudehnen, sind auf der am Mittwoch vorgelegten Liste neben Wissenschaftlern doch überwiegend Künstler vertreten.

Zu den Künstlern, von denen einige indes bereits bekannt gewesen waren, gehören unter anderen William Kentridge, Rosemarie Trockel, Tino Sehgal, Janet Cardiff & George Bures Miller und Gerard Byrne. Auf der Liste stehen ferner der Choreograf Jerome Bel, der Filmemacher Alexander Kluge, der Denkmalpfleger Michael Petzet und der Kurator Hans Ulrich Obrist. Aus anderen Fachbereichen vertreten sind vor allem Kulturtheoretiker - ein Spielfeld, mit dem Cristov-Bakargiev offen stark sympathisiert.

Die Teilnehmerliste ist zwar mehr als doppelt so lang wie bei den Kunstschauen in den Jahren 2007 und 2002, es gab seit 1955 aber auch schon Ausstellungen mit ähnlich vielen oder noch weitaus mehr Künstlern. Die für ausufernde Gedankenspiele bekannte documenta-Chefin betonte zudem, sie habe nicht nur Künstler eingeladen, die ihre Positionen teilten.

Ausgeweitet wird die documenta 13 auch geografisch: Neben den Hauptspielorten in Kassel wie etwa dem Fridericianum, der documenta-Halle, der Neuen Galerie, dem Ottoneum, der Orangerie, dem Hauptbahnhof und der Karlsaue gibt es Seminare, Ausstellungen und eine Klausur in Kabul (7. Juni 2010 bis 19. Juli), Alexandria/Kairo (1. bis 8. Juli) und im kanadischen Banff (2. bis 15. August). Erwartet werden in diesem Jahr erneut rund 750.000 Besucher.

Choreografie der documenta ist „unharmonisch“

Die documenta-Chefin bekräftigte am Mittwoch vor allem ihre Idee der Präsentation von Kunst über Kunst hinaus. Es gehe um eine „Allianz der Wissenschaften“, sagte Christov-Bakargiev. Die Ausstellung betrachte zudem Wendepunkte, Katastrophen und Krisen - „Momente, an denen sich die Welt verändert“. Sie stelle Fragen nach den verschiedenen Spezien der Welt, Machtverhältnissen, der Rolle der Frauen, der Form von Geschichtenerzählen. Die Schau werde sich ferner skeptisch gegenüber wirtschaftlichem Wachstum positionieren.

„Ich denke viel über die Frage nach, wie wir engagiert sein können“ und was Engagement bedeute, sagte Christov-Bakargiev. Sie betonte zudem: „Die Choreografie der documenta 13 ist unharmonisch.“ Aktuelle Probleme beruhten auf einer Schere zwischen Arm und Reich, die heutige Zeit sei gekennzeichnet durch Schnelllebigkeit und Gleichzeitigkeit, gültige Wahrheiten gebe es viele.

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Und schließlich zeigt die documenta auch Kunst, die es nicht nach Kassel schaffte. Die argentinischen Künstler Guillermo Faivovich und Nicolas Goldberg wollten den zweitgrößten Meteoriten der Welt, den 37 Tonnen schweren El Chaco, nach Hessen bringen. Das Vorhaben stieß jedoch auf Proteste von Anthropologen und indigener Gemeinschaft, die Christov-Bakargiev nach eigenen Worten respektierte. Dabei hätte es die interdisziplinär agierende Kuratorin, die jüngst mit Aussagen etwa zur Kultur der Tomatenpflanze Schlagzeilen machte, gereizt, „Dinge aus der Sicht eines Meteoriten zu betrachten“.

Streit um Balkenhol-Skulptur geht weiter

Derweil wurde Christov-Bakargiev im Streit um die Skulptur des Bildhauers Stephan Balkenhol an einer katholischen Kirche in der Innenstadt auch weiter Zensur vorgeworfen. Vor dem Kongress Palais machten Künstler am Mittwoch darauf aufmerksam, dass die documenta-Chefin die Ausstellung habe verhindern wollen. „Noch nie hat die künstlerische Leitung einer documenta so viel Einfluss darauf genommen, dass bestimmte Kunst verschwindet“, sagte die Künstlerin Siglinde Kallnbach.

Christov-Bakargiev wies die Vorwürfe zurück. Sie habe nichts zensieren wollen und würde „so etwas nie tun“, betonte sie. Sie habe Balkenhol lediglich gefragt, ob er es für angebracht halte, eine weithin sichtbare Figur am Friedrichsplatz, traditionell einem der zentralen Orte einer documenta, auszustellen.

dapd/dpa

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