Dirk Lauckes Stück „Jimi Bowatski hat kein Schamgefühl“

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Wut im Bauch hat der Titelheld im Stück „Jimi Bowatski hat kein Schamgefühl“ in Bochum – Szene mit Michael Schütz und Anke Zillich. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BOCHUM–Heute wird abgerechnet. Jimi hat es satt. Nach seinem Rausschmiss will er den Job zurück – von seinem Chef.

Laut, wütend, entschlossen stürmt er durch das Kellergewölbe am Schauspiel Bochum: „Jimi Bowatski hat kein Schamgefühl“ heißt das neue Stück von Dirk Laucke, das im Theater unten uraufgeführt wurde. Laucke, geboren 1982, spiegelt die sozialen Verwerfungen unserer Zeit in den Figuren seiner Realdramen („alter ford escort dunkelblau“). Ihm gelingen dichte Personenbilder und ein Bühnenrealismus, der demonstriert, wie tradierte Lebensmotive verblassen.

Jimi ist ein Laucke-Typ aus der Fabrikwelt. Er hat Gussstücke gefeilt, die Lohn und Selbstverständnis brachten. Es ist von „harter Arbeit“ die Rede, aber Sozialromantik scheint bei Dirk Laucke nicht auf, auch wenn er in den Opel-Werken recherchiert hat und für das Schauspiel Bochum dieses Auftragsstück schrieb. „Jimi Bowatzki hat kein Schamgefühl“ entwickelt sich. Michael Schütz lässt die Titelfigur erst wie ein Zäpfchen abgehen. Er nimmt seinen Kumpel Markus mit, droht mit dem Schweinebolzenschussgerät und wird grob. Im Haus des Chefs ist nur die Gattin mit Lúc vom Escort-Service zugange, der berlinert und sich ranwanzt. Regisseurin Christina Pfrötschner nimmt die Wucht aus dem Amoklauf, weil sie die tragikomische Grundierung des Stücks spürbar macht. Lúc hat rote Herzchen unter der Malocher-Hose. Markus mit Seitenscheitel filmt mit der Digi-Cam, aber fühlt sich unwohl, wenn Jimi den Callboy an der Nase reißt. In einem hohen Fernsehsessel hockt Elena emotionslos, die ihren Mann dann doch als Kämpfer für Arbeitsplätze beschreibt, von Investoren redet und erst später ehrlich wird.

Sophia Lindemann hat in dieses Nirgendwo eine schlichte Rampe gestellt, die als Arbeitsrelikt genauso dient wie als Symbol fürs Auf und Ab im Leben. Die Angst vor Jimi schwindet, auch weil er die Landschildkröte („Mucki“) seiner Mutter dabei hat, die plötzlich gesucht werden muss. Trotz Klapp-Handy mit Antenne kommt Jimi auch an den Chef nicht ran, der das Gusswerk nicht retten kann. Die Chinesen wollen alles abbauen. Jimi lernt, dass sein altes Leben nicht zurückzuholen ist. Und Michael Schütz nimmt die Dynamik raus, schaut ins Leere und hält sich an der Moral fest, wenn er Elenas Antrag ausschlägt.

Lauckes Stück profiliert noch andere Verlierer. Atef Vogel gibt den jungen Arbeitslosen Markus, der für sein Kind nicht zumutbar ist, sagt das Jugendamt. Er ist mutlos, ohne Talent und ereifert sich beim Bier über Verschwörungstheorien. Matthias Eberle (Lúc) gibt einen Fortschrittlichen, der das „20.“ (Jahrhundert) hinter sich lässt und zum besser verdienenden Teil der Spaßgesellschaft gehören will. Ein Fuzzi, aber mit Hoffnung. Und Elena, die noch Sozis von Kommunisten unterscheiden kann, verharrt in ihrer Ehefrauenrolle, auch weil ihr Selbstbetrug bisher gegriffen hat.

Regisseurin Pfrötschner zeigt souverän, dass die Dramaturgie der Abrechnung verbraucht ist. Wenn sie in die Kneipe zu Markus und Jimi zurückschaltet, ist ein Männerort zur Jukebox geworden. Spöttische Melancholie greift um sich. Weichen werden woanders gestellt. Das wirkt bittersüß, ein bisschen traurig, alternativlos. Eine Kinderstimme plaudert im Off über die Figuren, die auf der Bühne keine Zukunft haben. Dirk Laucke hat sehr solide und vielschichtig thematisiert, wie der gegenwärtige Kapitalismus die Menschen auszehrt. In Bochum kommt diese Ambivalenz sogar unterhaltsam rüber.

18., 22., 28.2., 5., 8., 20.3., Tel. 0234/ 33 33 55 55,

http://www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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