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Barbara Klemm und Christoph Brech stellen im Diözesanmuseum Paderborn aus

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Von: Achim Lettmann

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Museumsbesucherinnen im „MoMA, New York, USA, 1976“ fotografierte Barbara Klemm
Museumsbesucherinnen im „MoMA, New York, USA, 1976“ fotografierte Barbara Klemm. © Klemm/Katalog Hirmer Verlag

Zwischen mittelalterlichen Madonnen und Herrscherbüsten sind Fotografien und Videos zu sehen. In Paderborn erweitern Barbara Klemm und Christoph Brech die Sammlung des Diözesanmuseums.

Paderborn – Der Himmel ist viereckig. Auf der Fotografie scheint das Blau mit fluffigen Wolken betupft, als hätte ein Maler dem Firmament mehr geben wollen, als die Natur vorgesehen hat. Christoph Brech abstrahiert den Himmel und macht ihn gleichzeitig im gewählten Format fühlbarer. Sein Kamerablick geht senkrecht aus dem Innenhof des Palazzo Piccolomini in die Höhe. Mit den vier Fassaden, ihren Fenstern und den parzellierten Fronten der Arkadengänge wird das Viereck als Grundform der Aufnahme vielfach variiert. Brech lässt auch die Farben des Renaissance-Gebäudes wirken, die das Bild um ein Spektrum bereichern. Der Foto- und Videokünstler verweist in Paderborn selbst darauf, dass er Malerei studiert hat.

Brechs Fotografie „Palazzo Piccolomini, Pienza, 2016“ findet sich im Diözesanmuseum Paderborn. In der Ausstellung „So gesehen“ sind seine zum Teil großformatigen Werke mit Barbara Klemms Fotografien ausgestellt. Klemm ist die Grand Dame des deutschen Fotojournalismus. 1939 in Münster geboren hat sie von 1970 bis 2004 für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Politik/Feuilleton) gearbeitet und Maßstäbe gesetzt. „So gesehen“ stimmt einen Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und den Objekten des Museums an. Die Sammlung erhält visuelle Impulse.

Am Anfang ist eine Fotoserie zu sehen. Barbara Klemm porträtiert Claudio Abbado, Leonard Bernstein, Sir Simon Rattle und andere beim Dirigieren. Sie besuchte 1977 György Ligeti in Hamburg, wo der Komponist ihr einen Einblick in seine Arbeit vermittelte. Der Begriff „Inspiration“ setzt den Auftakt zur Ausstellung. Während Klemm sprechende Momente festhalten will, visualisiert Christoph Brech die Bewegungen der Dirigenten als „oszillierendes Diagramm“. Auf einem Video ist die helle grafische Spur wie auf einer grauen Tafel zu lesen. Mariss Jansons hat sie hinterlassen. Über Lichtpunkte an seinen Händen wird eine Probe des Maestro mit den Bayerischen Symphonikern sichtbar, die Mahlers 5. Sinfonie spielen. Einzelne Passagen sind als Lineamente auf Papier zu sehen: „Nr. V/cis-moll, Grafik, Deutschland 2009, 5’51“. Aus der Sammlung ist der Engel der Verkündigung an Maria aus der Werkstatt von Franz Ignaz Günther (18. Jahrhundert) aufgestellt. Eine inspirierende Kraft lässt sich aus dem Gestus der erhabenen Figur ablesen. Als göttlicher Botschafter ist der Engel in dieser Schau nicht vorrangig gefragt.

Die zeitgenössische Kunst von Barbara Klemm und Christoph Brech kündigt aber „keinen Paradigmenwechsel“ in Paderborn an, versichert Holger Kempkens. Der Direktor des Erzbischöflichen Diözesanmuseums bekräftigt, dass auch künftig kulturhistorische Ausstellungen das Profil des Hauses bestimmen werden. Rund 25 Jahre lang hatte Kempkens’ Vorgänger, Christoph Stiegemann, mit Kulturhistorie („Canossa 1077 – Erschütterung der Welt“) und Kunstgeschichte („Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“) überzeugt. Die Besucher- und Touristikzahlen wurden seit 1999 („799 – Kunst und Kultur der Karolinger“) auf ein neues Niveau gehoben.

Der Mittelalterexperte Kempkens bezeichnet die Schau „So gesehen“ als „Erweiterung unserer Sichtweise“. Der Kunsthistoriker, 1971 in Köln geboren, leitete vor seinem Amtsantritt in Paderborn (2020) das Diözesanmuseum in Bamberg und richtete 2012 für das Bistum Münster Teile der Schau „Goldene Pracht – Mittelalterliche Schatzkunst in Westfalen“ ein. In Paderborn soll 2024 das nächste Großprojekt folgen: „Das Erbe der Antike“. Die umfangreiche Ausstellung fragt, was ist aus dieser Zeit geblieben?

Aktuell zeigen Barbara Klemm und Christoph Brech Fotografien zu „Fragmente“. Während Klemm den Fuß Kaiser Konstantins, als Überrest einer antiken Skulptur kolossal erscheinen lässt („Kapitolinisches Museum, Rom, Italien, 2016“), hatte Brech das gleiche Objekt bereits 2013 hinter einem Bauzaun in seiner ganzen Verlorenheit ausfindig gemacht („Musei Capitolini, Rom“). Es ist überraschend, wie viele Themen beide Fotokünstler bedienten: Skulpturen vor Museen, in Ausstellungsräumen, durch Fenster beobachtet, bei Nachtlicht oder nur als Torso existent. Dazu sind die Reliquienbüsten des Kaiserpaares Heinrich II. und Kunigunde (15. Jahrhundert, Nussbaumholz) gesetzt – prägnant mit individuellem Gesichtsausdruck. 1002 wurde Kunigunde im Paderborner Dom gekrönt und bis ins Spätmittelalter verehrt.

Zu „Menschen im Museum“ stiftet Barbara Klemm fotografische Korrespondenzen. Besucherinnen kommen der Figurenfolge in Henri Matisses Bild „Tanz“ sehr nahe. Das Foto „MoMA, New York, USA, 1976“ ist eine schöne Beobachtung. Barbara Klemm sagte: „Man muss dem Vorschub leisten, und dann muss man Glück haben.“ Brech, 1964 in Schweinfurt geboren, hatte ein Video auf der Biennale in Venedig gedreht. Nur ein Vorhang und Schuhe von Besucherinnen und Besucher sind zu sehen, die den Ort „Arsenale, Italien, 2022“ betreten. Es ist ein flirrendes Spiel aus Licht und Schatten.

Die Künstler trafen sich im Oktober 2021 in Abstimmung mit Kuratorin Christiane Ruhmann, um die Schau vorzubereiten. Beide hatten sich 2016 in der Villa Massimo in Rom kennengelernt. Klemm fotografierte Brechs Ausstellung „More than Rome“ 2017/18 im Diözesanmuseum Paderborn. Auch damals wurde ein Dialog mit der Sammlung geführt.

Insgesamt werden 120 Exponate präsentiert. Zu „Hortus“ finden sich Fotografien zu verborgenen Naturgärten. Zu „Luna“ erstaunen präzise Aufnahmen des Mondes samt farbiger Corona. Und „Letzte Bilder“ sind Lichtbilder von Gräbern, Soldatenfriedhöfen und jüdischen Ruhestätten. Die wechselvolle Schau bietet anrührende Geschichten auch außerhalb der inszenierten Themen. Wie die kleine Pieta-Statue, die als Vesperbild aus Saalhausen (15. Jahrhundert) eine besondere Nähe zwischen Maria und Jesus nach der Kreuzabnahme behauptet. Die Bibel weiß nichts davon. Aber dieser Bildtypus erzählt, dass Maria ihren Sohn nach der Kreuzigung sogar auf dem Schoss hielt und lächelte. Sie ahnte seine Auferstehung und schenkt allen Hoffnung, die mit ihr eins sein wollen.

In dem Video „Ritratto Romano, Italien, 2006“ zeigt Christoph Brech Porträts von Familiengräbern, die nach Fotos (1850 bis 1885) gemalt wurden. Die Blicke der Frauen und Mädchen sind nach innen gerichtet, weil die Belichtung der Fotoplatten sehr lang dauerte. Diese Intimität gibt den Porträts etwas Privates. Vielleicht trösteten sich Angehörige in dem Glauben, wie gefasst und friedlich ihre Lieben aussahen – weit konnten sie dann nicht sein.

Bis 9.10.; di – so 10 – 18 Uhr; Tel. 05251/88 12980;

Katalog 39 Euro, Hirmer

Verlag, München;

www.dioezesanmuseum-paderborn.de

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