Dietmar Bär spielt Kleists „Der zerbrochne Krug“ in Bochum

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Macke am Kopf: Dietmar Bär (links) spielt den Dorfrichter Adam in der Bochumer Inszenierung von Kleists Theaterstück „Der zerbrochne Krug“. Neben ihm ist Roland Riebeling als Schreiber Licht zu sehen.

Bochum - Wie ein Schlachtfeld sieht die Bühne in den Kammerspielen des Bochumer Schauspielhauses aus. Die Möbel umgestürzt, überall zerknülltes Papier. Und Eve legt ihre Beichte ab, löst gleich vorab die ganze Intrige auf.

Dass ihr Verlobter in den Krieg in Batavia ziehen soll, was einem Todesurteil gleichkommt. Dass der Dorfrichter Adam ihr anbot, Ruprecht wehruntauglich zu schreiben. Die Bescheinigung wollte er ihr nachts übergeben, im Schlafzimmer, und er wollte ihr zu nahe treten.

Regisseur Anselm Weber liefert in einer traumhaften Sequenz die Auflösung von Kleists Komödie „Der zerbrochne Krug“, bevor das Verfahren beginnt. Er greift auf die längere, ursprünglichere Version der Komödie zurück, und er schlägt einen ernsten Ton an. Für Eve geht es ja auch um Leben und Tod. Nur das hindert sie daran, zu erzählen, was wirklich in ihrer Nachtkammer geschah, wie der Krug zerschlagen wurde. Der sündige Richter erhebt sein Haupt aus einem Papierhaufen. Wenn Eve seine lüstern-listigen Sätze wiedergibt, spricht er mit.

Dieser Einstieg gehört zu den stärksten Momenten des Abends. Sofort versteht der Zuschauer die Nöte Eves. Und auch die des Richters Adam, der im biblischen wie im wörtlichen Sinne gefallen ist. Sarah Grunert spielt die Verzweiflung des unschuldigen Mädchens ergreifend. Und Dietmar Bär ist da, im Hintergrund, der erdrückende Machtmensch.

Sehr klar rückt Webers Inszenierung den Klassiker an die Gegenwart, in der wieder Soldaten in einen fernen Einsatz sollen (wenn auch nicht annähernd so aussichtslos wie Ruprecht). Und speziell im ungewöhnlich ausladend gebotenen Schlussteil zeigt er, wie die Dörfler von Huisum jegliches Vertrauen in die Obrigkeit verloren haben. Sie glauben der guten Nachricht des Gerichtsrats Walter nicht mehr, dass niemand die Absicht habe, Soldaten ins Ausland zu schicken. Das formuliert der Vertreter der Staatsmacht freilich auch allzu honeckerhaft. Was der korrupte Dorfrichter angerichtet hat, wird in diesen Momenten überdeutlich – und beleuchtet manche Tagesmeldung von heute.

Vieles macht Weber also richtig in seiner eindreiviertelstündigen Interpretation des Dramas. Dass bei diesem Zugriff keine Lachausbrüche zum Schenkelklopfen kommen, ist nur folgerichtig. Leider aber verwendet die Inszenierung weniger Mühe auf die Psychologie der Figuren. Dietmar Bärs Adam ist gleich als der bauernschlaue, aber nicht sehr planvoll handelnde Schmierlappen kenntlich. Dieser Richter hält im Verfahren in eigener Sache nicht die Fäden in der Hand, sondern schielt stets nach dem pingeligen Gerichtsrat. Und er verstrickt sich in seine ungeschickten Lügen, als wolle er erwischt werden. Der Schauspieler, bekannt vor allem als Kommissar Schenk im Kölner „Tatort“-TV-Krimi, legt sich ins Zeug, scharwenzelt und humpelt und buckelt vor dem Gerichtsrat, brüllt seine Zeugen nieder und umschmeichelt sie. Das kitzelt die ein oder andere Pointe raus, aber einen glaubwürdigen Charakter ergibt das nicht.

Andere Figuren haben da mehr Kontur, zum Beispiel Roland Riebelings Schreiber Licht, der schön zwischen Komplizenschaft und eigenem Ehrgeiz (Richter sein zu wollen anstelle des Richters) irrlichtert. Marco Massafra gibt dem Gerichtsrat eine gute Mischung aus Korrektheit und Jovialität mit, und es passt, wie er sich den Kopf hält: Solches Chaos muss Migräne auslösen.

In manchen Szenen rutscht der Abend leider ab in grobschlächtiges Volkstheater. Da brüllen sich Bauer und Sohn an, da werden Komödienklischees von Dienstboten bemüht (das neugierige Lauschen), und notfalls muss eine Grimasse einen Lacher bringen. So wird durch Oberflächlichkeit in der Personenführung eine stringente Spielidee unterlaufen. Es gibt in dieser Kleist-Deutung sehr sehenswerte Momente, aber auch einige flaue. Das Bochumer Publikum spendete gleichwohl großen Beifall. Und der TV-Star in der Hauptrolle sorgt für ein volles Haus: Die Dezember-Termine sind praktisch ausgebucht.

Das Schauspiel

Theater mit einem großen TV-Star, der allerdings die fehlende Figurenführung im Stück nicht ausgleichen kann. Neben sehenswerten Momenten gefällt vor allem die Spielidee der Regie.

Der zerbrochne Krug an den Kammerspielen Bochum

20., 31.12., 3., 4., 6., 21.1.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55,

www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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