Dieter Nuhr fotografiert auf Reisen – Ausstellung auf Burg Vischering in Lüdinghausen

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Bhutan nennt Dieter Nuhr seine Fotografie, zu sehen auf Burg Vischering.

LÜDINGHAUSEN–Dieter Nuhr ist ein ordentlicher Mensch. Der Kabarettist und Comedian wird von klaren Linien, quadratischen Bildrahmen und gestapelten Produkten angezogen. Die Welt besteht aus Strukturen, scheinen seine Fotografien zu belegen, die in der Burg Vischering in Lüdinghausen präsentiert sind: „Nuhr fotografiert“.

Von Achim Lettmann

Dieter Nuhr ist aber auch ein lustiger Mensch, der den Sinn für Ordnung gern mit dem Unsinn des Lebens an sich verbindet. Wer die populären Monologe des 51-Jährigen kennt, weiß, dass nichts so ist, wie es scheint, bis uns Dieter Nuhr alles erklärt. Sein Hintersinn ist köstlich, dafür wird er gefeiert, geliebt. Die Fotografien, das wird in Lüdinghausen sichtbar, sind ein Teil und ein Schlüssel zu seinem Denken.

Nuhr ist allgegenwärtig. Letzte Woche startete er für die ARD eine Vorabendserie „Null gewinnt“. Seine Popularität ist immens, so wird man auch auf seine Fotografien aufmerksam. Seit 2008, als die Galerie Robert Morat (Hamburg) Nuhrs Fotos anbot, wird er zunehmend in musealen Häusern ausgestellt: Ratingen, Siegen, Siegburg, Regensburg, Rheine, nun Lüdinghausen. Der Absolvent der Essener Folkwangschule hatte Kunst studiert und war nach der Malerei zur Fotografie gekommen. Er kennt die Fotoreporter des 20. Jahrhunderts, den Kamerablick des Weltbürgers, die bühnenhaften Bilder unserer Zeit – auch das belegen die Fotografien.

Streng genommen sind es Reisefotos, die Nuhr ausstellt. Gern steigt er ins Flugzeug, besucht Kontinente und ferne Kulturen. Er bringt Landschaftsaufnahmen vom Himalaya mit, Nebelwände, Schneegipfel, Bergformationen; wie Menschenmassen in Nordkorea Propaganda machen, interessiert ihn; auch Opfergaben aus Bali, Luftbilder von Namibia. Alles hat seinen Reiz, ist gekonnt abgelichtet. Aber eine neue Position in der zeitgenössischen Fotografie wird das nicht.

Fotokunst? – Kunstvoll ausgewählt sind die Motive bestimmt. Wie die Reihe alter Nähmaschinen, auf denen eine Tafel mit arabischen Schriftzeichen zu sehen ist. Der Fotograf hat den Blick. Wer denkt da an die USA? Aber so lautet sein Hinweis zu den Fotos. Mehr zeigt Dieter Nuhr zum Mutterland des Kapitalismus nicht. Soll das unsere Wahrnehmung verändern?

Kurios sind die Produktauslagen in Portugal: Duschkopf, WC, Waschbecken, Türdrücker und historische Pistolen, die wahrscheinlich Imitate sind. Das ist nett anzusehen, denkt man nur an unsere Baumarkt-Ketten.

Dieter Nuhr spricht über seine Fotos in einem Text. Man kann ihm folgen, wenn von „melancholischer Heiterkeit“ die Rede ist; er das Foto zum Teil der bewegten Welt erklärt, die ihn freut. Seine Fotografien führen denn auch die Länder und Kulturen irgendwie zusammen („Art All-over-Charakter“). Damit steht er in der Tradition der Reporter, die uns die Welt vorführen. Nur der kompositorische Augenblick, der Moment in der Bewegung geht Nuhr ab. Er verlässt sich auf die stabile Ordnung, die er vorfindet. Ob nah dran oder aus der Hubschrauber-Perspektive.

Menschen sind die Ausnahme. Auf einem asiatischen Markt in Bhutan gehorchen sie zwischen den Waren der Platzorganisation. Sie warten. Ein Indio-Pärchen in Peru zeigt Nuhr neben einer Reihe großer Säcke. Wer die komischen Texte neben den Fotos gelesen hat, wird vom Wortwitz amüsiert („Inca Kola“) und gleichzeitig abgelenkt. Denn wie der Comedian über den neugriechischen Totenkult zum Motorradfahren ohne Helm kommt, ist herrlich spöttisch. Und welche Methode des Ablebens die Sizilianer bevorzugen, kann man sich schon denken: Beton, Füsse, Wasser ... ah ja.

So konkurrieren Nuhrs Komik mit Nuhrs Fotos beim Rundgang. Und plötzlich wird einem klar, was den Indios auf dem Bild noch fehlt: es ist die Panflöte (und die Fußgängerzone). So hat Nuhrs Komik über die Fotografien gesiegt.

Die Schau

Fotos auf Reisen, die Landschaften, Alltag, Kulturelles, Witziges, Detailreiches zeigen.

Nuhr fotografiertauf der Burg Vischering in Lüdinghausen. Bis 9. September; di-so 10 bis 13 Uhr, 13.30 Uhr bis 17.30 Uhr; Katalog im Kerber-Verlag erschienen 26,80 Euro; Tel. 02591/ 799 011

http://www.burg-vischering.de

Quelle: wa.de

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