„Die Welt des Lucas Cranach“ in Brüssel

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Verlockende „Melancholie“: Cranachs Bild von 1532 ist in Brüssel zu sehen.

Von Ralf Stiftel ▪ BRÜSSEL–Draußen reiten die Hexen und Teufel in einer schwarzen Wolke. Drinnen sitzt unbeeindruckt eine schöne junge Frau und schnitzt an einem Stab herum. Erst der zweite Blick entdeckt ihren blauen Flügel. Nackte Putti spielen an einer Schaukel. Ein Symbolbild schuf Lucas Cranach im Jahr 1532. Es sollte im Anschluss an Erklärungen von Luther warnen vor der zerstörerischen Gewalt der Melancholie. Inspiriert hatte Cranach der berühmte Kupferstich Dürers, aber er übersetzte das Motiv in seine eigene Bildsprache.

Dafür war der Meister berühmt: Für seine verführerischen, oft nackten Frauenbilder. Zu sehen ist die „Melancholie“ in der Ausstellung „Die Welt des Lucas Cranach“ im Palast der schönen Künste, dem Bozar in Brüssel. Die Schau ist die erste überhaupt zum deutschen Renaissance-Maler in den Benelux-Staaten, und sie prunkt mit kostbaren Leihgaben und Hauptwerken. Rund 50 Gemälde und 100 Werke auf Papier vermitteln einen Querschnitt durch Cranachs Schaffen, von seinem frühesten bekannten Gemälde, der berühmten Schottenstiftkreuzigung aus Wien, die um 1500 entstand, bis zum 1548 entstandenen Bildnis eines Mannes mit roten Haaren. Und man sieht auch Raritäten wie das Triptychon Herzogs Georg des Bärtigen, das erstmals aus dem Meißner Dom in ein Museum gebracht wurde.

In einer Raumfolge, die grob der Chronologie folgt, aber auch thematische Akzente setzt, wird der Künstler im Kontext seiner Zeit präsentiert. Cranach (1472– 1553), geboren im fränkischen Kronach als Sohn eines Malers, bereiste Europa, knüpfte in Wien Kontakte zu den Humanisten, zog 1508, als Hofkünstler des sächsischen Kurfürsten, in diplomatischer Mission in die Niederlande. Er kannte Dürer, der ihn porträtierte, und Tizian. Seine Bilder waren begehrt – und wirkungsvoll. Seine Porträts von Luther und weiteren Reformatoren prägten unser Bild jener Epoche. Luther als Mönch, als Junker Jörg, als Reformator wird als Holzschnitt und als Gemälde gezeigt, wie auch Philipp Melanchthon.

Die Brüsseler Ausstellung entfaltet diese Zusammenhänge in einer prägnanten Abfolge. Hauptwerke, sozusagen Greatest Hits des Meisters, wie das Martyrium der Heiligen Katharina (um 1508/08), Venus und Amor als Honigdieb (1531) und die Quellnymphe (nach 1537) sind zu sehen. Besonders interessiert in der von Guido Messling kuratierten Schau natürlich der Einfluss flämischer Meister auf Cranach. Schön zeigt er sich in Konfrontationen von Werken von Quentin Metsys mit Arbeiten Cranachs. So schuf Metsys ein Diptychon mit der betenden Maria und Christus (um 1505), dessen Echo man in einem kleinen, auf Pergament gemalten Bild Cranachs (um 1512/1514) wiederfindet, in dem das Paar ganz schlicht dargestellt wird, ohne Heiligenschein und Überhöhung, konzentriert auf psychologische Durchdringung.

Cranach war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der neben seiner Malerwerkstatt zeitweise eine Apotheke und eine Druckerei betrieb, außerdem malte er nicht nur bei Hofe, sondern erfüllte noch weitere Aufgaben in Dekoration und Schmuck. Sein Atelier mit Assistenten hatte er so effektiv organisiert, dass er eine Fülle von Bildern in großer Qualität produzierte. Er passte sein Angebot instinktsicher der Nachfrage an, für seine protestantische Kundschaft schuf er neue Genres wie das Lehrbild von „Gesetz und Gnade“ (1529).

Und immer wieder widmete er sich, mal moralisierend, mal unverhohlen lustvoll, dem Thema Frau. Wunderbar entfaltet die Schau, wie Cranach das Thema verfolgt, zum Beispiel mit mehreren Fassungen von „Adam und Eva“. Sein Bild „Venus und Amor als Honigdieb“ hängt neben einer alten Kopie von Dürers Zeichnung: der Nürnberger Meister erzählt eine fröhliche Anekdote mit einer bekleideten Venus und einem wild um sich schlagenden Putto in einem Bienenschwarm. Cranachs Venus posiert elegant und sieht gar nicht zum klagenden Knaben hin. Sie wendet den mit einem kostbaren Hut geschmückten Kopf zum Betrachter und offenbart schamlos ihre Reize. Wie seriell er arbeitete, zeigt auch eine Abfolge dreier Gemälde aus der Zeit um 1530: Judith mit dem Kopf des Holofernes, Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers und eine Hofdame. Die Pose der Frauen ist stets die gleiche, aus dem Halbprofil wendet sie sich dem Betrachter zu, und selbst die übelste Mörderin macht der Künstler begehrenswert. Kein Wunder, dass bei diesem Maler auch Herkules ziemlich jämmerlich rüberkommt, zumindest im Gemälde „Herkules bei Omphale“ (1537), das wiederum vor der zerstörerischen Macht der Wollust warnt.

Den überaus instruktiven wie genussreichen Rundgang ergänzen Arbeiten des belgischen Künstlers Wim Delvoye, der sich mit sakraler Kunst auseinandersetzt. Raumfüllende Metallmodelle von gotischen Kathedralen, deren Glasfenster erotische Motive zeigen, und in groteske Formen verdrehte Kruzifixe zeugen von der Inspirationsmacht der traditionellen Formen bis in die Gegenwart.

Die Welt des Lucas Cranach im Bozar, Palais des Beaux Arts, Brüssel. Bis 23.1.2011. di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0032/ 2/ 507 82 00; http://www.bozar.be

Katalog (dt.) 55 Euro

Allg. Infos: Tourismus Flandern/Brüssel, Köln, 0221/ 270 97 70

http://www.flandern.com

Quelle: wa.de

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