„Die Spiegel-Affäre“ ist ein TV-Thriller mit Francis Fulton-Smith

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Dicke Luft: Rudolf Augstein (Sebastian Rudolph, links) und Franz Josef Strauß (Francis Fulton-Smith).

Von Elisabeth Elling - Nach ein paar Zigarren und einigen Flaschen Bier ist klar: Sie mögen sich nicht. Franz Josef Strauß hat 1957 den „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein in Augsteins Hamburger Villa getroffen. Jetzt verlässt er das verrauchte Wohnzimmer: „Saubande!“ Das ist der Beginn einer abgrundtiefen Feindschaft.

Roland Suso Richter stellt diese an den Beginn seines fulminanten Thrillers „Die Spiegel-Affäre“.

In den folgenden fünf Jahren befehden sich die beiden Männer. Der wohl einflussreichste Journalist des Landes kann dem aussichtsreichsten Minister im Kabinett Adenauer vielfaches Fehlverhalten nachweisen, von der Verkehrsrüpelei bis zu Amigo-Geschäften. Strauß kontert mit Verleumdungsklagen – und am 26. Oktober 1962 mit der Verhaftung der gesamten „Spiegel“-Führung. Der Artikel „Bedingt abwehrbereit“ über die schlechte Verfassung der Bundeswehr liefert den Vorwand: Landesverrat.

Strauß hat für diesen Coup bei Kanzler Adenauer intrigiert und Dienstwege ignoriert – um dann von der öffentlichen Empörung überrumpelt zu werden. Mit den Protesten für die Pressefreiheit hat er nicht gerechnet; sogar die „Bild“-Zeitung ist für Augstein. Strauß belügt das Parlament über seine Schlüsselrolle bei den Verhaftungen – und Adenauer lässt ihn fallen. Er wird zwar noch Minister und Ministerpräsident, doch nie Kanzler. Also triumphiert auf lange Sicht Augstein, der 106 Tage in Untersuchungshaft saß: „Dieser Mann ist gefährlich. Wir werden ihn verhindern“, war seine Ansage nach dem ersten Kennenlernen.

Doch als lupenreiner Kämpfer für die Pressefreiheit ist er hier nicht zu bewundern (Drehbuch: Johannes Betz). Augstein (1923–2002) erklärt Strauß zum Feindbild: „Wir werden unsere Schlagkraft an diesem Mann erproben.“ Seine Invektiven verfasst er unter Pseudonym. Dabei genießt der CSU-Mann in der „Spiegel“-Redaktion durchaus sportliche Anerkennung („Völlig frei von Komplexen in einem komplexbehafteten Land“). Doch über seine Weltanschauungen ist mit Augstein nicht zu reden – egal wie kumpelhaft und cool der Umgangston in der „Spiegel“-Chefetage auch ist („Darauf einen Dujardin!“).

Sebastian Rudolph lässt Augstein als Egomanen schillern: kühl, zynisch, furchtlos, einsam. In ihrer Skrupellosigkeit, analytischen Schärfe schenken er und Strauß sich nichts. Gegen Augsteins bürgerlich-formvollendete Herablassung ist der Metzgersohn Strauß jedoch hilflos: „Saubande!“ Während einer Pause im Verleumdungsprozess spricht er Augstein direkt an: „Was haben Sie eigentlich gegen mich?“ Da ist Augstein überfordert.

„Die Spiegel-Affäre“ ist auch ein hochklassiges schauspielerisches Duell. Francis Fulton-Smith („Familie Dr. Kleist“) erreicht in seiner verblüffenden Strauß-Darstellung die Bedenkenlosigkeit und Reizbarkeit des Politikers (1915-1988), ohne ein Imitat zu versuchen. Strauß peitscht sein Bierzelt-Publikum auf, macht zwielichtige Geschäfte, die Spezis und Schwäger begünstigen, vielleicht auch ihn selbst, und sieht sich als Opfer einer Hetzjagd. Fulton-Smith bringt das in der massigen Figur zusammen, bis hin zu jenem aggressiven Wippen am Rednerpult des Bundestags.

Trotzdem unternimmt „Die Spiegel-Affäre“ eine Versachlichung des Strauß-Bildes: Ein durchgeknallter Atomkrieger war er nicht.

Im Oktober 1962 läuft der Ost-West-Konflikt heiß. Wegen der Stationierung russischer Raketen auf Kuba erwägt US-Präsident Kennedy einen Luftschlag. Währenddessen teilt Strauß durchaus die Einschätzung des „Spiegels“ und des Autors von „Bedingt abwehrbereit“, Conrad Ahlers, über den desolaten Zustand der Bundeswehr. Im Kriegsfall würde das Bundesgebiet zu 75 Prozent verwüstet, ohne dass sie etwas auszurichten hätte. Strauß’ Strategie: Deutschland muss von den USA unabhängiger werden, braucht deshalb Atomwaffen. Diese Abschreckungs-pläne düpieren Wehrmachts-Veteranen in der Bundeswehr; der Minister lässt sie spüren, dass ihre Fronterfahrungen ihn nicht interessieren. Aus den Kreisen der Unzufriedenen wird der „Spiegel“ mit Informationen versorgt.

Bemerkenswert ist die unaufdringliche Authentizität der Bilder (Ausstattung: Knut Loewe, Frauke Flirl; Kamera: Clemens Messow). Die schweren Limousinen, die Büros mit nikotingelben Tapeten und String-Regalen, die adretten Hausfrauen werden beiläufig gestreift und erzählen aus einer anderen Zeit.

Freitag, Arte, 20.15 Uhr

Dienstag, 7.5., ARD, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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