„Die Schatten der Avantgarde“: Kunst der Autodidakten im Museum Folkwang

Dschungelphantasie: Henri Rousseaus Bild „Der hungrige Löwe wirft sich auf eine Antilope“ (1898/1905).

ESSEN - Wie ein mächtiger Trichter spitzt sich der Tunnel nach unten hin zu. Gegen alle Gesetze der Perspektive ist die Öffnung vorn ein kleines Schlupfloch, aus dem der U-Bahn-Zug hervorbricht. Die fast einen Meter hohe Zeichnung von Martín Ramírez aus dem Jahr 1954 saugt den Blick mächtig an.

Das Blatt des Künstlers aus Mexiko ist im Museum Folkwang in Essen zu sehen, in der Ausstellung „Die Schatten der Avantgarde. Rousseau und die vergessenen Meister“. Die Kuratoren Kaspar König und Falk Wolf stellen dabei 13 künstlerische Autodidakten vor, jeweils in einer eigenen kleinen Kabinettpräsentation. Sie wollen den Kanon der modernen Kunst erweitern. Mit dem Raum und dem Zuschnitt, den im Folkwang Museum sonst die großen Publikumsschauen haben, werden nun mit rund 200 Werken Maler und Bildhauer vorgestellt, die im Betrieb kaum noch eine Rolle spielen. Stars der Szene wie Gauguin, Picasso, Nolde und Léger sind mit einzelnen Werken aus der Sammlung des Hauses vertreten. Diese Bilder sollen als Referenzgrößen dienen, um die Wirkungsmacht der Autodidakten zu belegen.

Es sind Vertreter der Kunst, die mal Naive heißt, mal Outsider Art. Auf Wunsch von Museumsdirektor Tobia Bezzola kam Henri Rousseau (1844–1910) in den Titel, der als erster nicht-akademischer Künstler die Anerkennung der Avantgarde fand. Rousseau ist die Ausnahme der Regel, fast so bekannt wie die Expressionisten des Blauen Reiters, wie Gauguin und Picasso, die ihn schätzten und als Kollegen akzeptierten. Dass seine bunten Dschungelphantasien und seine pathetisch-bürgerlichen Porträts zum Kernbestand moderner Sammlungen gehören, ist unbezweifelt. Und so soll er das Publikum locken. Aber, gibt König zu bedenken, kein deutsches Museum besitzt ein wichtiges Werk von Rousseau. So kommt das dramatische Monumentalgemälde „Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope“ (1905) aus der Basler Fondation Beyeler. Unschuldig ist an dem Werk nichts, die Gewalt der zuschlagenden Raubkatze, die blutenden Wunden werden deutlich gezeigt. Und im Blatt für Blatt getreu geschilderten Dschungel lauern ein Geier und ein Panther.

Rousseau bildet das Energiezentrum der Schau, mit einem prachtvollen Ensemble von acht Werken. Die anderen sind weit weniger berühmt, was auch ein Versäumnis des Publikums hierzulande ist. Die Werke der malenden Putzfrau Séraphine Louis (1864–1942) wurden aus dem Museum of Modern Art in New York (MoMA) und dem Pariser Centre Pompidou entliehen. Ihre Blumen- und Baumbilder, für die sie moderne Haushaltslacke verwendete, sehen manchmal wie ein flächendeckendes Dekor aus. Einige wurden bei der ersten documenta in Kassel gezeigt, im Kontext der informellen Malerei. In Essen sind erstmals ihre sechs „Riesenbilder“ vereint zu sehen.

Schon in den 1940er Jahren widmete das MoMA Morris Hirshfield (1872–1946) eine Retrospektive. Der erfolgreiche Modeunternehmer hatte als Ruheständler begonnen zu malen, und seine Bilder beeindruckten die Surrealisten. Kein Wunder, wenn man „Zwei Frauen vor dem Spiegel“ (1943) sieht, wo er im Spiegel eben nicht die Frontalansicht der sich kämmenden Nackten zeigt, sondern noch einmal ihre Rückseiten.

Und auch André Bauchant (1873–1958) gehört zu den Autodidakten, die einmal anerkannt waren. Seine eigenwilligen Historienbilder, zum Beispiel „Die Schlacht bei Marathon 490 v. Chr.“ (1926) und „Die Zerstörung des Tempels von Jerusalem durch Titus“ (1929), ähneln in der collagehaften Komposition den Arbeiten von Giorgio de Chirico und Max Ernst, die in der Nachbarschaft hängen. Bauchant entwarf auch Kostüme für den Choreografen Serge Diaghilev.

Solche Bilder sind allemal (Wieder-)Entdeckungen, waren schon kanonisiert – und wurden später wieder aus dem kollektiven Bewusstsein gelöscht. Gegen dieses ungerechte Vergessen arbeitet die Schau an. Gerade weil diese Künstler außerhalb der etablierten Kunstszene standen, gerade weil ihre Bilder sich vom Hauptstrom unterscheiden, werden sie spannend.

Mutig ist, dass die Bildwerke für sich sprechen sollen. Dass Martín Ramírez seine grandiosen Zeichnungen schuf, während er in psychiatrischen Einrichtungen war, wird nicht groß plakatiert. Der Recklinghäuser Bergmann Erich Bödeker (1904–1971) formte seine Betonskulpturen als Frührentner, etwas klobige, aber stets berührende Figuren trauriger dressierter Bären und Hirsche, stolze Sphingen und die drei Astronauten von „Apollo 8“, die aus einer Blechwanne gucken und auch als Vogeltränke im Garten dienten.

Furiose, stark abstrahierte Zeichnungen schuf Bill Traylor (um 1853–1949), ein Afroamerikaner, der noch als Sklave auf der Baumwollplantage arbeitete. Auf der Straße zeichnete er auf gefundene Papp- und Papierstücke, und nur manchmal wie in „Aufregendes Ereignis: Haus mit Figuren“ ahnt man die Gewalt, die sein Leben prägte.

Das Folkwang Museum riskiert etwas mit dieser Präsentation, die den Fokus nicht auf das ohnehin Populäre richtet. König sagt, man hoffe auf wenigstens 100 000 Besucher. So viel Entdeckungslust sollte doch im Ruhrgebiet zu mobilisieren sein.

Bis 10.1.2016, di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0201/ 88 45 444,

www.museum-folkwang.de

Katalog, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 25 Euro

Quelle: wa.de

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