„Die Revolution entlässt ihre Bilder“: Russische Avantgarde im Picasso-Museum

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Eine Ikone aus Holzresten: Wladimir Tatlins „Konterrelief“ ist in Münster zu sehen.

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Aus schlichtem Material schuf Wladimir Tatlin sein „Konterrelief“: Auf ein Brett, das vielleicht mal zu einem Möbelstück gehörte, mit Rissen, Schmutzflecken und einer abgeschnittenen Ecke montierte er andere Holzstücke. Partien bemalte er. Und er schrieb in kyrillischen Buchstaben „Petersburg“ und die Zahl „0.10“ – ein Verweis auf die futuristische Ausstellung in der Zarenstadt, in der Kasimir Malewitsch sein „Schwarzes Quadrat“ zeigte.

Einerseits wirkt die Arbeit (um 1915/16) wild in ihrem Recycling von Schreinerabfällen, denen das Benutztsein eingeschrieben ist. Andererseits regiert in ihr die Geometrie, besteht sie aus Dreieck, Viereck, Halbkreis. Wie eine technische Konstruktion. Tatlin zeigt sich darin als Kunstrebell. Zu sehen ist das Werk in der Ausstellung „Die Revolution entlässt ihre Bilder“ im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster, die rund 100 Werke der abstrakten und konstruktiven Avantgarde vor allem aus Russland umfasst.

Diese Kunst erwartet man im Picasso-Museum nicht unbedingt. Direktor Markus Müller aber sieht durchaus Bezüge zum Hauspatron. Picasso sei der „Brandstifter“ dieser ästhetischen Umwälzungen gewesen, sagt er. Viele der Vertreter der russischen Revolutionskunst waren vor 1914 in Paris, wo sie den Kubismus und den Futurismus kennen lernten. Tatlins Relief erinnert gewiss nicht zufällig an kubistische Collagen und an Skulpturen, die Picasso aus Fundsachen schuf. Und am Anfang der Ausstellung begegnet man zum Beispiel dem Gemälde „Modellstudie Kubistischer Akt“, das Ljubow S. Popowa 1913 malte – offensichtlich im Banne des Kubismus. Fast wie ein Bild von Leger, meint Müller. Ein Jahr später arbeitet die Künstlerin in „Die Uhr“ gemusterte Bänder ein, und das schwingende Pendel taucht dreimal auf, um die Bewegung zu betonen – wie bei Marinetti. Und Warwara F. Stepanowa knüpft mit ihrer Collage (um 1925) bei Braque und Picasso an – „nur mit kiryllischen Buchstaben“, meint Müller.

Man findet in der Ausstellung kleine Werkgruppen von fast jedem wichtigen russischen Künstler jener Zeit. Fünf, freilich kleine, Zeichnungen von Kasimir Malewitsch. Zeichnungen und Gemälde von Alexander Rodtschenko, darunter eine hinreißende „Komposition“ mit dem treffenden Beititel „Umwerfendes Rot“ (1918), eine Ikone aus sich überlagernden Kreisen und Kreissegmenten auf schwarzem Grund. Und immerhin drei Arbeiten von Wassily Kandinsky, darunter die Gouache „Schwarze Spannung“ (1925) und das Gemälde „Verschmelzendes Rosa“ (1928), beide in der Bauhaus-Zeit des Künstlers entstanden, als er seinen verspielten Kompositionen noch die Zügel der Geometrie anlegte.

Mit Kandinsky fing vor rund 40 Jahren auch alles an. Denn die Ausstellung besteht im Kern aus der Kollektion eines deutschen Sammlers, der ungenannt bleiben will. Als Student entdeckte er seine Faszination für Kandinsky. Als er genug Geld hatte, Originale zu erwerben, umkreiste er den Russen, kaufte, was dessen Kunst ähnlich sah und er sich leisten konnte.

So entstand eine profilierte Sammlung. Sicher bietet sie nicht so viele Spitzenwerke wie die Suprematismus-Schau in Düsseldorf oder die Malewitsch-Retrospektive in Bonn. Aber sie zeigt einen sehr persönlichen Zugriff auf eine Kunst, die sich trotz der Beschränkung auf geometrische Elemente als abwechslungsreich erweist. Man kann Entdeckungen machen, die zarte Statik in den Blättern von Ilja G. Tschaschnik mit der Dynamik von Nina O. Kogans „Suprematistischen Kompositionen“ vergleichen.

Den politischen Implikationen des Titels wird die Schau nicht gerecht. Gewiss entstanden viele Werke in der frühen Sowjetunion. Aber wie die Künstler um Malewitsch und Tatlin versuchten, der Revolution ein avantgardistisches Gesicht zu verleihen, das lässt sich mit den Bildern der Sammlung nicht darstellen. Auch nicht das brutale Ende dieser Ambitionen im Stalinismus.

Aber der Kunstfreund bekommt einige ausnehmend schöne Werke zu Gesicht. Zumal das Museum um die Kollektion herum zusätzlich Arbeiten lieh, zum Beispiel vom Kröller Müller Museum in Holland, um die europaweite Strahlkraft der Abstraktion bis zum Bauhaus, zu de Stijl in Holland und „abstraction création“ in Paris“ zu zeigen. Und in einer Extraschau sieht man, wie Picasso abstrahierte und doch immer gegenständlich blieb.

Bis 19.10., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 414 47 10,

www.picassomuseum.de,

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 26,90 Euro

Quelle: wa.de

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