1. come-on.de
  2. Kultur

Die Photographische Sammlung in Köln zeigt „Urbanes Leben, Architektur, Industrie“

Erstellt:

Von: Ralf Stiftel

Kommentare

Joachim Brohm: „Garten“ aus der Serie Culatra, Photographische Sammlung SK Kulturstiftung Köln
Schäbiger Süden: Joachim Brohm fotografierte den „Garten“ auf Culatra, zu sehen in Köln. © Joachim Brohm, VG Bild-Kunst

Köln – Es gibt wahrlich glanzvollere Orte als die portugiesische Insel Culatra. Joachim Brohm zeigt in seiner Aufnahme „Garten“ ein eher schäbiges als idyllisches Durcheinander. Die südlichen Pflanzen werden verdeckt von einer Schubkarre, einem Bootsmotor, Bauschutt, Sperrmüll. Dies ist kein Arkadien, sondern banaler Alltag, obwohl auch hier der Himmel alles herrlich blau überwölbt.

Brohm, 1955 geboren, Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, suchte Motive, die man nicht so schnell als bildwürdig erachtet hätte. Das Bootswrack am Strand, dessen rote Farbe blättert. Der Durchgang an einem Haus mit dem Zaun aus verwitternden Spanplatten. Den völlig zugemüllten Strand mit den verloren wirkenden Palmen. Aber so abgeranzt diese Szenerien auch wirken, sie verströmen doch einen gewissen Reiz, eine befremdliche Schönheit mit dem klaren Licht, den etwas gedämpften Farben.

Die Bildserie aus Culatra steht am Anfang der Ausstellung „Photographische Konzepte und Kostbarkeiten“ in der Photographischen Sammlung der SK Kulturstiftung in Köln. Die von der Sparkasse Köln Bonn getragene Einrichtung besteht seit 25 Jahren und stellt zum Jubiläum ihre erstaunliche Sammlung vor, die um den Nachlass des Kölner Fotografen August Sander aufgebaut wurde. Mit rund 40 000 Fotos ist dieser Bestand zu groß, um in einer Ausstellung auch nur umrissen zu werden. So gab es im Frühjahr eine Ausstellung zum Thema Porträt und Mensch. Nun folgt der zweite Teil: „Urbanes Leben, Architektur, Industrie“. Mit rund 300 Aufnahmen stellen die Kuratorinnen Gabriele Conrath-Scholl und Claudia Schubert nun 21 Positionen vor. Es sind jeweils Werkkomplexe, Serien. Das sei wichtig, erläutert Conrath-Scholl, weil man so die Entwicklung und die Tonalität von Künstlern darstellen kann.

Natürlich darf in so einer Übersicht Sander nicht fehlen, von dem allein die Sammlung rund 10 500 Negative und 6000 Originalabzüge besitzt. Zwei Kabinette füllen Auftragsarbeiten, die Sander in den 1920er und 1930er Jahren für Architekten und Industrie fertigte. Er ging in die Altstadt mit engen Gassen und historischen Bauten, um Köln zu zeigen, „wie es war“. In den 1930er Jahren besuchte er auch das Braunkohle-Tagebau-Gebiet. Auf einem Foto sieht man die Abbaukante mit dem Wald darüber, die Abnutzung der Natur.

In der Ausstellung kann man so ein Motiv weiterverfolgen. Ruth Hallensleben (1898–1977) arbeitete vor allem als Industriefotografin, wunderbar ihre Serie von der Handschuhproduktion aus den Radium Gummiwerken. In den 1950er Jahren verfolgte sie ein Projekt zum Thema Wasserverschmutzung, sie nahm Unrat am Ufer und die Schaumbildung an der Ems auf. Und 1991 ging Claudia Fährenkemper ins Tagebaugebiet Hambach, wo sie die gewaltigen Schaufelradbagger durch Perspektivwechsel und Detailaufnahmen anschaulich machte.

Fährenkemper hat bei Bernd und Hilla Becher in Düsseldorf studiert. Deren Gesamtwerk bildet einen weiteren Schwerpunkt der Kölner Sammlung. In der Ausstellung füllt von den Bechers die Dokumentation der Zeche Waltrop ein ganzes Kabinett, in dem Arrangement, das die Künstler für ihre strengen dokumentarischen Aufnahmen von Werkstätten, Fördertürmen und Hallen vorgesehen haben. Es sind auch weitere Absolventen der Becher-Klasse vertreten: Candida Höfer mit Aufnahmen aus Bibliotheken, Boris Becker mit einer herrlichen Fotostrecke aus den 1990er Jahren von Siedlungshäusern der Nachkriegszeit.

Auch das Ruhrgebiet taucht immer wieder als Motiv auf, sei es in den Aufnahmen der Bechers, sei es in den ikonischen Fotos, die Horst Lang von radelnden Bergleuten und rastenden Motorradfahrern am Rhein-Herne-Kanal machte, als die Schlote noch rauchten. Ruth Hallensleben besuchte die Gelsenberg Benzin AG und 1962 die Glückauf-Brauerei in Gelsenkirchen. Auch Albert Renger-Patzsch, ein Klassiker der Fotografie, fotografierte im Ruhrgebiet, in der Ausstellung aber sind Detailaufnahmen zu sehen, die er in den 1950er Jahren in einer Maschinenfabrik in Ingolstadt machte.

Die Schau dokumentiert auch internationale klassische Positionen. So kann man von dem Amerikaner Steven Shore, einem Pionier der Farbfotografie, Teile der Serie „American Surfaces“ sehen. Großartig auch die Arbeiten aus der Serie „American Monuments“ von Lee Friedlander, der quer durch die USA 1000 Denkmäler dokumentierte. Zuweilen verschmelzen sie mit der Umgebung, wie „Father Duffy“ vor den Leuchtreklamen am New Yorker Times Square (1974). Eine ganz andere Bildsprache findet man in Jim Dines Aufnahmen von Werkzeug in der historischen Technik der Heliogravur (2001), leise, poetische Stillleben.

Ein faszinierender Streifzug durch eine Sachfotografie, die über Generationen dokumentiert, wie Menschen leben und wie sie sind.

Bis 8.1.2023, tägl. außer

mi 14 – 19 Uhr,

Tel. 0221/ 888 95 300, www. photographie-sk-kultur.de

Auch interessant

Kommentare