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Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigt „Mondrian. Evolution“

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Von: Ralf Stiftel

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Ausstellung "Mondrian. Evolution"  Piet Mondrians „Komposition mit Blau und Weiß“ (links, 1936) neben seinem Bild „Leuchtturm in Westkapelle“ (1910).
Eine Idee, auf zwei Arten realisiert: Im K20 in Düsseldorf hängt Piet Mondrians „Komposition mit Blau und Weiß“ (links, 1936) neben seinem Bild „Leuchtturm in Westkapelle“ (1910). © Rolf Vennenbernd/ dpa

Düsseldorf – Piet Mondrian liebte das Quadrat, die rechten Winkel, klare Farben. Bei seiner „Komposition mit großer roter Fläche, Geld, Schwarz, Grau und Blau“ (1921) verrät der Titel eigentlich schon alles. Das Gemälde erscheint wie der Grundriss eines Hauses. Ein Gitterwerk aus schwarzen Linien gibt der Fläche Struktur und Rhythmus. Einige Felder sind mit den genannten Farben ausgefüllt. Das erscheint zunächst sehr einfach. Aber es ist überwältigend, wie der niederländische Maler mit extrem reduzierten Mitteln Spannung aufbaut, die visuellen Gewichte so verteilt, dass ein prägnantes Bild entsteht.

Zu sehen ist das Werk in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Das K20 zeigt die ikonischen Werke des Künstlers, die es als Poster, als Dekor für T-Shirts, Sneaker, Handtaschen in die Alltagskultur geschafft haben. Obwohl er aus einer früheren Epoche stammt, wird er geradezu als Popkünstler wahrgenommen. Jeder hat schon mal Mondrian gesehen, selbst wenn ihm der Name kein Begriff ist. Aber die Ausstellung „Mondrian.Evolution“, eine Kooperation mit der Fondation Beyeler (Riehen/Basel), will auch das weniger bekannte Frühwerk in den Blick nehmen, nachzeichnen, wie der Maler zu den Abstraktionen fand, die er als „Neoplastizismus“ charakterisierte. 90 Werke spannen den Bogen von ersten Genrebildern, die noch aus der Zeit seines Studiums an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam stammen, bis zu „New York City 1“ von 1941.

Die Kuratorinnen Kathrin Beßen und Susanne Meyer-Büser wollen zeigen, wie zielstrebig Mondrian über mehrere stilistische Wechsel hinweg einige grundlegende Bildideen verfolgte. Dafür durchbrechen sie die Chronologie, der die Schau eigentlich folgt. So empfängt den Besucher ein Bildpaar, die „Komposition mit Blau und Weiß“ (1936), ein Hochformat, das selbst für die neuplastische Phase karg wirkt mit vier schwarzen Linien und einem einzigen kleinen blauen Feld rechts oben, und der „Leuchtturm in Westkapelle“ (1910). Dieses Gemälde unterlegt der Abstraktion eine gegenständliche Deutung: Man mein, darin einen Turm zu erkennen, selbst das blaue Rechteck erscheint als Echo des blauen Himmels daneben. Und umgekehrt liest man den rosa Turm unversehens vor allem als geometrische Konstruktion.

Piet Mondrian (1872–1944) wollte als 14-Jähriger Künstler werden. Er absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Zeichenlehrer an höheren Schulen, dann studierte er in Amsterdam. Ganz so geradlinig, wie einige Bildpaare suggerieren, verlief seine Entwicklung allerdings nicht. Bis 1907 malte er im Stil der Haager Schule, mit erdigen Braun- und Grüntönen. Nachdem er die Werke van Goghs gesehen hatte, zudem beeinflusst von der Farbenlehre Goethes und der Anthroposophie Rudolf Steiners änderte sich die Farbigkeit hin zu hellen, kräftigen, expressiven Tönen. Bei einem Paris-Aufenthalt ab 1911 sieht er Werke von Braque und Picasso. In der Folge setzte er Elemente des Kubismus ein, löste die Gegenstände in kristalline Strukturen auf wie in seinen Bildern von Bäumen (Blühender Apfelbaum, 1912), dämpfte dabei die Farbigkeit fast bis zur Monochromie.

1916 gründete Mondrian mit dem Maler und Kunsthistoriker Theo van Doesburg und anderen die Bewegung „De Stijl“. Mondrians Bilder werden immer strenger an Geometrie ausgerichtet, bis zum Neoplastizismus.

1921 übersiedelte Mondrian nach Paris. Er war bestens vernetzt, ein international anerkannter Künstler, dem das Stedelijk Museum in Amsterdam zum 50. und 60. Geburtstag Retrospektiven widmete. 1938 zog er nach London um, zwei Jahre später nach New York.

Mondrian war Modernist, der Rhythmus erscheint nicht nur in einigen Bildtiteln. Der Künstler war auch Jazzfan und leidenschaftlicher Tänzer. Seine letzte stilistische Wandlung erkennt man an „New York City 1“ (1941). Da fand er zu weniger statischen, mehr auf breiten farbigen Linien beruhenden Kompositionen, die den Aspekt des visuellen Rhythmus betonen. Bei der Vorbereitung der Schau fanden die Kuratorinnen heraus, dass dieses Bild eigentlich auf dem Kopf steht, dass es vermutlich versehentlich zu einem frühen Zeitpunkt „falsch“ herum gehängt wurde (wie berichtet). Schon aus konservatorischen Gründen verbietet es sich, das zu korrigieren. Aber es ist auch so, dass ein solches Bild unabhängig von oben und unten funktioniert, seine visuelle Qualität besteht eben nicht aus einem realistischen Abbilden. Es ist zu betrachten wie ein Stadtplan, bei dem die Ausrichtung nach Norden eine Konvention ist.

Die Ausstellung hat große Qualitäten, nicht nur wegen der suggestiven Paarungen von Arbeiten unterschiedlicher Werkphasen. Es fasziniert auch, das serielle Arbeiten Mondrians nachvollziehen zu können, zum Beispiel wenn vier Versionen des Gemäldes „Bauernhof bei Duivendrecht“ (um 1916) nebeneinander hängen. Die Serie wirkt wie ein Rückfall, eigentlich war er da schon an der Schwelle seines neoplastischen Stils. Aber er brauchte Geld und nahm die Aufträge dafür an. Nicht ohne auf raffinierte Weise mit Spiegelungen zu arbeiten, die kahlen Zweige der Bäume in ein abstraktes Linienwerk zu verwandeln sowie Licht- und Farbwirkungen zu unterschiedlichen Tageszeiten zu variieren.

Sehr deutlich vermittelt die Schau das strukturelle Sehen Mondrians. Schon das Interieur „Frau mit Spindel“ (um 1893-96) erweist sich als aufgeräumt, ob das nun die kräftigen Linien der Tisch und Stuhlbeine sind oder das feine Raster von Fliesen (oder einem Bleiglasfenster) im Hintergrund. Beim Bild „Wald bei Oele“ stellt er 1908 die Stämme nahsichtig als Rhythmus aus vertikalen Linien dar, wobei er als Lokalfarben expressiv Blau- und Rottöne wählt. Die grell flammende „Windmühle bei Sonnenschein“ (1908) erscheint zwar als Reflex der Van-Gogh-Rezeption. Aber auch hier findet man überraschend viel Geometrie zum Beispiel im roten Liniengitter und in den gekreuzten Flügeln.

Bedauerlich aber, wie die Schau Mondrians Entwicklung vor allem als individuelle erscheinen lässt. Zumindest bei de Stijl arbeitete er im Kontext einer Gruppe, die sich ähnlich wie das Bauhaus ein übergreifendes Programm gesetzt hatte. Geometrie oder Reduktion auf Grundfarben setzten sie als Prinzipien parallel um, etwa Gerrit Rietveld mit seinem rotblauen Stuhl (1917). Die Primärfarben wiederum brachte Mondrians Kollege Bart van der Leck zuerst ein, freilich noch in vage gegenständlichen Bildern.

Auch steht das Frühwerk nicht ganz so im Schatten, wie in der Öffentlichkeitsarbeit des K20 dargestellt. Nicht nur, weil das Kunstmuseum Den Haag, der Hauptleihgeber der Schau, die Entwicklung des Künstlers mit seiner großartigen Sammlung umfassend dokumentiert. Schon 2007 hat das Museum Ludwig in Köln einen vergleichbaren Querschnitt geboten, freilich nicht so thematisch fokussiert. Letztlich aber lohnt das großartige Werk allemal einen zweiten und auch dritten Blick.

Bis 12.2.2023, di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr

Tel. 0211 / 8381 204

www.kunstsammlung.de

Katalog, Verlag Hatje Cantz, Berlin, 44 Euro

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