„Die Hustenmary“: Erzählungen von Rudolf Lorenzen

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Rudolf Lorenzen ▪

Von Ralf Stiftel Rudolf Lorenzen wurde in Lübeck geboren, aber sein Revier war Berlin. Man muss nur in seinen Text „Die Hustenmary“ hineinlesen, um das zu bemerken. Ein Monolog als Hommage zum 70.

Geburtstag einer Hure, und man hat sofort den schweren Dialekt der leichten Dame im Ohr: „Meen Lebn, wenn ick dir dit erzähl, dit kannste janich bezahln. Ick hab meen leben jenossn, ick hab allet jehabt, aba meen leben jehört mir alleene, dit kriste nich. Wenn ick tot bin, kannstes haben, aba so schnell sterb ick nich.“ Das ist weit mehr als ein kokettes Spiel mit dem Milljöh. Über den Ton zeichnet der Autor tiefenscharf einen Charakter, legt ohne einen Autorenkommentar die Brüche und Wunden einer Biografie offen. Ihre Perspektive benennt die 70-Jährige so: „Wennse die Ecke hia abreißn ..., jeh ick wieda ufs Strässcken“.

„Die Hustenmary“ ist die Titelgeschichte eines Bandes mit Erzählungen und Reportagen zum 90. Geburtstag des Autors am 5. Februar. Es ist eine Einladung in Lorenzens Werk, die man gern annimmt. Man lernt einen Flaneur der alten Schule kennen, einen, der gerne dabei ist, zum Beispiel bei einer Talentshow von Rolf Eden, die heutige Casting-Spektakel vorwegnahm. Oder man liest, wie Lorenzen als Drehbuchautor an einem Film von Horst Buchholz mitwirkte – und ihm eine teure Außendrehszene ausreden wollte. Buchholz feuerte ihn.

Lorenzen ist leichtfertig mit Chancen umgegangen. 1960 lud ihn Hans Werner Richter zur Tagung der Gruppe 47 ein. Er ging nicht hin, weil er sich zu sehr als Einzelgänger fühlte. Dann wieder hatte er Pech: Sein gewichtiger Roman „Alles andere als ein Held“ erschien 1959, in dem Jahr, als die Literaturszene mit „Die Blechtrommel“ von Grass und „Billard um halbzehn“ von Böll beschäftigt war. Das Buch, die hochgelobte Studie eines Mitläufers von 1933 bis in die Nachkriegszeit, wurde kein Bestseller, steht heute nicht auf Lehrplänen. Der kleine Verbrecher Verlag in Berlin versucht, den Autor mit einer Werkausgabe wieder ins Bewusstsein zu holen.

Lorenzen war kein Netzwerker, war zu sehr mit dem Leben beschäftigt, um Karriere zu machen. Er leitete eine Werbeagentur, arbeitete für Zeitungen, fürs Fernsehen, schlug sich durch. Ein wenig davon erfährt man in dem schönen, schmalen Band, zum Beispiel wenn er von den schrägen Aktionen der „Neupreußischen Empfindungsgesellschaft“ erzählt, zu der die Maler Johannes Grützke und Matthias Koeppel gehörten. Manchem Text merkt man das Alter an, zum Beispiel seiner 1966 geschriebenen Klage über die Postbeamten. Aber seine kleine Erzählung über Elke vom Apotheken-Notdienst mit ihren charmanten Mehrdeutigkeiten bezaubert immer noch.

Rudolf Lorenzen: Die Hustenmary. Verbrecher Verlag, Berlin. 116 S., 18 Euro

Quelle: wa.de

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