„Die Csárdásfürstin“ an der Oper Dortmund

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Feiern, auch wenn die Welt untergeht: Feri (Hannes Brock), Sylva (Heike Susanne Daum) und Boni (Philippe Clark Hall) in einer Inszenierung der „Csárdásfürstin“, zu sehen an der Oper Dortmund. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Selbst der Csárdás heizt auf dieser Party niemandem mehr ein. Frierend drängt man sich um den Ofen, draußen rieselt der Schnee. Offenbar herrscht eine Hundskälte, und es wird noch kälter: Emmerich Kálmáns Operette „Die Csárdásfürstin“ spielt am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Auf der Dortmunder Opernbühne hat sich die Zerrüttung aber offenbar längst vollzogen. Die Inszenierung von Ricarda Regina Ludigkeit, die die Oper Dortmund vom Staatstheater Nürnberg übernommen hat, zeigt hohe Räume mit dem Anschein alter Pracht und darin Menschen, die sich nach ihrem bisschen Glück sehnen. Auf Champagnerlaune kann man lange warten: Da ist zuviel Staub im Glas.

Fürst Edwin liebt die Varietésängerin Sylva, doch hindern ihn seine Standesdünkel daran, sie sofort zu seiner Frau zu machen. Heiratsversprechen werden gegeben und gebrochen, falsche Paare finden und trennen sich, am Ende siegt die Liebe. Interessant ist daran, wie Kálmán und seine Librettisten Leo Stein und Béla Jenbach das Leben am Rande des Abgrunds feiern. Subtext der Operette ist eine Erzählung vom Untergang der Kultur, die Edwins Leben definiert, des Mitteleuropa der Stände und gemischten Kulturen unter der k-und-k-Monarchie. Doch mehr als nostalgisch aufgeladene Embleme sieht man in Dortmund nicht. Unerreichbar wie die Sterne funkeln am Himmel hinter den Liebenden die Schönbrunner Gloriole und das Riesenrad aus dem Prater (Bühne: Rainer Sinell).

Ludigkeit bebildert das Libretto, doch zwischen den Bildern entstehen Pausen, die Handlung kommt ins Stocken wie ein alter Kinematograph. Timing und Feingefühl fehlen. Die Optik ist auch danach: Clowns tauchen hinter den falschen Pärchen auf und äffen ihre vermeintliche Lustigkeit nach. Als Stasi und Edwin ihr Schwalbenduett singen, läuft im Hintergrund ein Schäferspiel ab. Allenfalls würzt Ludigkeit ihr Bilderspiel mit halbdeftigen Übersteigerungen, etwa als sie Tänzerinnen in Burlesque-Corsagen über die Bühne schickt oder Edwin ungeschickt über den Schoß seiner Sylva streicht.

Die Operette ist historisch an dem Punkt angesiedelt, an dem Standesunterschiede für die Partnerwahl an Bedeutung zu verlieren begannen. Dies ist die zweite Bedrohung für die Welt des Fürsten Edwin, die Erosion im Inneren, die er mehr fürchtet, als er sich einzugestehen vermag. Aber die sozialen Implikationen werden von der Regie nicht bearbeitet; sie reiht Zeichen, ohne sie in Beziehung zueinander zu setzen.

Musikalisch ist die Produktion solide mit Schwächen. Philipp Armbruster holt aus den Dortmunder Philharmonikern einen überpolierten Breitwandklang heraus, als wolle er Filmmusik aus Hollywoods goldener Ära nacheifern: berauschend, aber nuancenarm.

Das Ensemble bemüht sich redlich, Leben auf die Bühne zu bringen. Philippe Clark Hall gibt als Graf Boni überzeugend den jugendlichen Schelm, allerdings mit wenig Stimmvolumen. Hannes Brocks Feri ist als Gegenstück der gealterte Schelm. Tamara Weimerich ist eine reizend unbekümmerte Stasi.

Heike Susanne Daum als Sylva und Peter Bording als Edwin fehlt es an Chemie, um das Liebespaar darzustellen. Beide haben zudem Schwierigkeiten mit der Csárdásrhythmik. Bordings Melos will nicht recht fließen, und Daum überspitzt im Ausdruck, etwa in dem nostalgisch-rauschhaften Duett „Weißt du es noch“, dessen Melancholie sie mit zuviel Drama erdrückt. Die Liebeswalzer der beiden, deren Tempo Kálmán mit Lento vorgab, muss Armbruster fast zum Adagio herunterbremsen.

18., 27.1., 3., 10., 14., 17.,2.

Tel. 02 31/50 27 222,

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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