„Die Blechtrommel“ auf der Bühne bei der Ruhrtriennale

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Auf dem Tisch wird‘s eng. Szene aus der „Blechtrommel“-Inszenierung bei der Ruhrtriennale mit sechs von sieben Oskars: Ruth Reinecke, Britta Hammelstein, Ronald Kukulies, Cristin König, Anne Müller und Hans Löw (von links). ▪

Von Edda Breski ▪ BOCHUM–Da liegt sie auf dem Tisch, rot und weiß gezackt, die Blechtrommel. Zeichen einer offenen Inszenierung und Symbol für den überbordenden Roman des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass. Armin Petras, Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, hat eine Umarbeitung des Buches für das Theater auf sich genommen. In der Regie seines Hausregisseurs Jan Bosse feierte das Stück bei der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle Deutschlandpremiere.

50 Jahre und ihre Zeitenwenden in drei Stunden gerafft: Gemeinsam mit Bosse, der als Sprachfanatiker gilt, hat Petras ein Stück geschaffen, das den umfangreichen Stoff sprunghaft durchläuft und ihn verdichtet auf die Beziehungen der Figuren.

Oskar, im Roman der Ich-Erzähler, wird schon geistig gereift geboren und beschließt mit drei Jahren, dass er nicht mehr wachsen will. Fortan verschafft er sich durch seine Blechtrommel Ausdruck. Bei Grass bewegt er sich, trotzig-stumm, durch deutsche Geschichte, fabuliert, kreist um seine egomane Weltsicht, bis er in einer Heilanstalt landet.

Bosse stellt Oskar in den Familienkontext, blättert das fiktive Fotoalbum der Matzeraths, Bronskis und versippschwägerten Gestalten auf. Sein Kunstgriff: Es gibt mehr als einen Oskar Matzerath. Alle sieben Schauspieler schlüpfen abwechselnd in die Rolle des Oskar und zurück in die Rolle der Menschen, die ihn umgeben. Bosse zeigt: Sicher, in seinem Leben fest verankert, ist hier keiner. Zusammengehalten wird das durch Videoprojektionen aus dem „Album“ und kurze Erzählmonologe.

Bühnenbildner Stéphane Laimé, hat einen bunkergrauen Kasten mit angeschrägtem Parkettboden gebaut – hier findet niemand dauerhaften Halt. Gleich zu Anfang regnet es Kartoffeln; die kollern und bringen die Schauspieler zum Rutschen. Eine Welt, die Oskar erst verlassen kann, als er wachsen will. Dann räumen alle sieben Oskars die Fetzen weg, die vom alten Leben geblieben sind. Das Stück endet mit dem Zweiten Weltkrieg und einem kurzen Epilog.

Jan Bosses große Stärke ist ein leicht inszeniertes, selbstreferenzielles Schau-Spiel um das, was die Menschen zueinanderzieht und doch beieinander nicht bleiben lässt. Ein Spiel mit den Mitteln des Theaters, ohne eine große Bühnenmaschinerie in Gang zu setzen. Das macht auch die „Blechtrommel“ aus.

Nach dem Eröffnungsmonolog von Anna Bronski (Ruth Reinecke) kommt allerdings erst mal eine knappe halbe Stunde kaum etwas als Deklamation. Später findet Bosse starke Bilder, mit denen er sich durchaus von der gewaltigen Konkurrenz des oscarprämierten Films von Volker Schlöndorff (1979) abzusetzen vermag. Neues, vielleicht eine radikale Perspektive, zeigt er nicht, dafür ist er nicht der Typ. Dafür folgen liebevoll gestaltete Szenen aufeinander, ein textverliebtes Nachspüren mit etwas Drastik gewürzt. Ein mehr als respektvoller Umgang mit dem Stoff; eine Regie, die lockt statt zu polarisieren: Als der Nazi Löbsack seine Hetzrede hält und in einen braunen Anzug steigen will, stecken ihm die anderen Arme und Beine in Hemd und Hose und formen ein schunkelndes Knäuel von hitlergrüßenden Armen. Dazu gibt‘s das Sample eines Schostakowitsch-Walzers (Musik: Arno Kraehahn). Die Pferdekopfszene gerät mit grünen Weingummischlangen witzig-ekelhaft.

Die „Blechtrommel“ funktioniert vor allem des brillanten Ensembles wegen, das alle Stückfiguren mit bestechender Logik zeigt: Robert Kuchenbuch gibt dem kleinwüchsigen Bebra Bitterkeit, dem schneidigen Brandstifter Koljaiczek kaum beherrschte Wut. Anne Müller spielt ihren Part als weißblonde Rebellin mit Aggressionsproblem. Hans Löw schmachtet als Bronski und Sigismund seiner Agnes (Cristin König) nach; ein Schlaffi mit amourösem Ehrgeiz.

Ruhr-Kolorit gibt‘s auch: Die Trümmerszenerie des zweiten Teils könnte einem Bergarbeiter-Häuschen entstammen. Darin sitzt Alfred (Ronald Kukulies) hemdsärmelig auf dem Klo.

Die Bühnenversion der Blechtrommel ist eine Kooperation der Ruhrtriennale und des Maxim-Gorki-Theaters Berlin.

Jahrhunderthalle Bochum,

11., 12., 14., 15.9.;

Karten: 07 00/20 02 34 56

http://www.ruhrtriennale.de

Berliner Premiere: 26.9.

Quelle: wa.de

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