Der Deutschrapper Casper in Dortmund

Überfall mit Whisky

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Das Rapper Casper war in Dortmund zum ersten Mal in so großem Rahmen zu erleben.

Von Frank Zöllner

DORTMUND - Wie junge Hunde warten Casper und seine sechsköpfige Begleitband darauf, die Bühne zu betreten zu können. Im Licht tausender Smartphones ertönt Coldplays Bombastsong „Fix You“ aus den Lautsprechern. Den Pathos rettet der Deutsch-Rapper mit dem Opener „Im Ascheregen“. Was folgt, ist eine fast zweistündige Show, die nicht nur für den Shooting-Star aus Bielefeld mit den vielen Tattoos und den fusseligen Bart herausragend wird.

Zum ersten Mal entert Casper die Bühne mitten im Set der Vorband Portugal. Zu Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ wird Sekt versprüht – ein ironischer Hinweis darauf, dass es wohl größere Songs gibt, als die von der Independent-Band aus den Vereinigten Staaten (die Casper übrigens mit einem T-Shirt promoted). Die Revanche folgt vor dem geplanten Zugabenteil. Plötzlich okkupieren die vier Musiker der Vorband zu den Klängen von Beastie Boys’ „Sabotage“ die Bühne, bauen einen Tisch mit Stühlen auf und trinken mit ihren Gastgebern Whisky.

11 000 Fans darf Casper im Rahmen seiner „Hinterland-Tour“ in der ausverkauften Dortmunder Westfalenhalle begrüßen. Und so wie die Wahl der Einheizmusik zwischen Coldplay und Kraftklub die Bandbreite auslotet, gibt es keine Grenzen zwischen den Genres. Breitwandiger Gitarrenrock trifft auf harten Rap. Erstmals ist Casper, der mit den zwei Alben „XOXO“ und „Hinterland“ den Aufstieg in die erste Liga der deutschsprachigen Musiker schaffte, in einem so großen Rahmen zu sehen. Der 32-Jährige erzählt immer noch staunend: „Als ich mit 14, 15 Jahren da oben auf der Tribüne saß, habe ich mich gefragt, wie es wohl ist, da unten zu stehen“. Etwa 90 Minuten später zum Ende des Konzertes hat er sich das selbst beantwortet: „Ich bin sehr überwältigt. Das ist einer der schönsten Abende meines Lebens.“ Es hört sich an wie die üblichen Attitüden von Musikern, doch es ist zu spüren, dass darin ein großer Kern an Wahrhaftigkeit steckt, etwa wenn er verlegen dasteht, als ihn die Menge mit Sprechchören feiert.

Wahrhaftig, ungeschönt und ungefiltert sind auch die Songs des hyperaktiv tanzenden Rappers. Casper singt vom Elend des Alltags („Blut sehen“), der viel zu kleinen ersten gemeinsamen Wohnung („20 qm“), die sämtliche Träume erstickt, dem Scheitern an Erwartungen, aber auch von Dingen, für die es sich zu kämpfen lohnt. So sind The Smiths genauso Bezugsgröße wie Bruce Springsteen – nur hat Casper als Rapper andere Ausdrucksformen gefunden. Und auch seine musikalische Vorliebe für Kollaborationen schlendert durch die Stile. So ertönt zum melancholischen „Lux Lisbon“ die Stimme von Tom Smith von den Editors aus den Lautsprechen, und bei „XOXO“ arbeitete er mit Thees Uhlmann zusammen.

Alle Hits wie „Hinterland“, „Alles endet (aber nie die Musik)“, „So Perfekt“ und das mit Trompete unterstützte „Jambalaya“ finden sich im Set, genau wie „Der Druck steigt“ zu Bildern von brennende Molotow-Cocktails auf den riesigen Leinwänden.

In der zweiten Zugabe feiert der Rapper Oasis als „größte Band aller Zeiten“ mit dem Coversong „Don’t look back in anger“. Er hoffe, dass dies nicht peinlich wird und deswegen sollten alle mitsingen. Das machten alle und peinlich war es wirklich nicht, sondern wurde zu einem unvergesslichen Gemeinschaftserlebnis.

Auch am 3. April in der Lanxess-Arena in Köln.

Quelle: wa.de

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