Deutscher Buchpreis für Eugen Ruge

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Eugen Ruge erhält den Deutschen Buchpreis 2011 für seinen Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Der alte Parteiveteran feiert Geburtstag, am 1. Oktober 1989, wenige Wochen vor dem Mauerfall. Ein Mann, schon etwas verwirrt, der die Blumen als Gemüse bezeichnet, das zum Friedhof zu bringen sei, und zum Orden sagt, er habe genug „Blech im Karton“. Und irgendwann im Aufmarsch der Genossen, im Feiertrubel, erinnert er sich und singt plötzlich die zynische Hymne von der Partei, die immer recht habe.

In einer grandiosen Szene deckt Eugen Ruge den Verfall einer Familie auf und zugleich den eines Systems. Der Autor gewinnt den Deutschen Buchpreis 2011 (25 000 Euro) für seinen Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. In seinem Debütroman gelinge es dem 57-Jährigen, „die Erfahrungen von vier Generationen über fünfzig Jahre hinweg in einer dramaturgisch raffinierten Komposition zu bändigen“, urteilt die Jury.

In seinem Roman schildert Ruge über vier Generationen die Familiengeschichte der Umnitzers, die der seiner eigenen Familie gleicht. Ruge, 1954 im Ural geboren, ist Sohn von Wolfgang Ruge, einem führenden Historiker der DDR, der vor den Nazis ins Exil geflohen war, aber im Zuge der stalinistischen Säuberungen deportiert worden. So geht es auch Kurt Umnitzer, einer der Romanfiguren.

Es ist ein leises und sehr geglücktes Buch. Ruge erzählt gegen die Chronologie und enthüllt in zahlreichen Rückblenden, die Selbstverleugnungen, die Verletzungen, die Irrtümer seiner Figuren. Die Großeltern Wilhelm und Charlotte kamen aus dem Exil in Mexiko ins kriegszerstörte Deutschland zurück. Die im Grunde bürgerliche Lebensweise der Emigration können sie im kommunistischen System durchhalten, bis hin zu Dienstboten. Auch Kurt ist heimgekehrt, hat die Russin Irina geheiratet, die unter der Verachtung der Schwiegereltern leidet. Der Sohn Alexander, genannt Sascha, rebelliert gegen das System der Väter, wird Theatermacher (wie der Autor Ruge), geht in den Westen, was ausgerechnet an Wilhelms Geburtstag herauskommt. Sein Sohn Markus wiederum hasst den Vater, weil er die Familie verlassen hat.

Ruge hat sein Buch mit einem wundervollen Rhythmus komponiert. Wie ein Refrain durchziehen Schilderungen der Feier den Roman, immer aus der Sicht eines anderen Beteiligten. Sascha begegnen wir am Anfang des Buchs, im Jahr 2001. Sein Vater Kurt leidet an Demenz. Sascha, der gerade eine tödliche Krebsdiagnose gehört hat, versorgt Kurt ein letztes Mal, ehe er flieht, nach Mexiko, auf die Spuren der Großeltern. Auch diesen Faden verfolgt Ruge immer wieder. Dazwischen aber zeichnet er mit immer neuen Momentaufnahmen nach, wie Umnitzers im Sozialismus mitlaufen, privilegiert und doch verschüchtert, gute Genossen und doch auch Menschen mit Fehlern.

Kurt betrügt Irina. Irina verfällt dem Alkohol. Die Utopie einer besseren Gesellschaft zerschellt an menschlichen Schwächen. Wie Umnitzers die Diktatur mittragen, das blitzt in Momenten auf, wenn Wilhelm über Nachbarn mit nicht konformen Ansichten sagt: „Die kriegen wir auch noch dran“. Und wie Kurt beim Parteiausschluss eines Kollegen mitmacht, obwohl ihn Zweifel drücken an der Richtigkeit.

Ruges Sprache ist zurückhaltend, zuweilen von feinem Humor geprägt. Und nie verrät er die Menschen, deren Schwächen und Fehler er doch so klar benennt.

Eugen Ruge erhält den Deutschen Buchpreis für seinen Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Rowohlt Verlag, Reinbek. 429 S., 19,95 Euro

Die fünf Autoren, die mit ihm für die Short List des Preises nominiert wurden, erhalten jeweils 2500 Euro: Jan Brandt (Gegen die Welt, DuMont Verlag), Michael Buselmeier (Wunsiedel, Das Wunderhorn), Angelika Klüssendorf (Das Mädchen, Kiepenheuer & Witsch), Sibylle Lewitscharoff (Blumenberg, Suhrkamp) und Marlene Streeruwitz (Die Schmerzmacherin, S. Fischer).

Quelle: wa.de

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