NRW Design Zentrum und Ruhrmuseum zeigen Retro-Ausstellung von 1955

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Mercedes-Benz 300 SL Rennsportwagen 1955 als formschön ausgezeichnet.

Essen - Vielleicht haben Sie „Max und Moritz“ noch im Schrank, die kleinen Gläschen zum Streuen von Pfeffer und Salz. Wer sich in den 50/60er Jahren modern einrichten wollte, kam an diesen Designklassikern von Wilhelm Wagenfeld nicht vorbei. Der Küchenausstatter WMF führte sie im Sortiment. Längst sind sie zu Ikonen für zeitlose Gebrauchsästhetik geworden.

In Essen, wo Max und Moritz ausgestellt sind, haben die Initiatoren der Schau „Dauernde, nicht endgültige Form“ auch ein Gefühl für vergangene Klasse. Das Design Zentrum NRW und das Ruhrmuseum haben sich zusammengetan, um die Stadt Essen als Entwicklungsstandort für Design zu profilieren. Die Ausstellung auf dem Gelände des Weltkulturerbes Zollverein ist ein Baustein dazu. Anlass ist eine Präsentation in der Villa Hügel von 1955, als der Verein Industrieform von einer namhaften Jury ausgewählte Produkte unter dem Titel „Ständige Schau formschöner Industrieerzeugnisse“ ausstellte. 270 000 Besucher wurden damals gezählt. Man hatte wieder Interesse an schönen Dingen und suchte Orientierung.

Ab Montag sind die Gestaltbeispiele in der Halle 5 auf Zollverein zu sehen. Außerdem wird auf die Vorgeschichte des Designstandorts Essen eingegangen und auf die Entwicklung des Vereins Industrieform. 1954 gegründet, mauserte sich die Institution zum NRW Design Zentrum mit internationalem Qualitätssiegel. Oder: „60 Jahre Designgeschichte in Essen – von der Industrieform zum Red Dot“. Die Idee allerdings, Essen als Standort für Design zu präsentieren, hätte mehr Zeit verdient gehabt. Die Schau ist in nur vier Monaten erstellt worden.

Sehenswert ist vor allem der Kern, die rekonstruierte Präsentation von 1955. Service aus Porzellan sind in einer Vitrine aufgereiht, noch dominierte Weiß die Tischkultur. Designstar Raymond Loewy, der die Stromlinienformen entwickelt hatte, arbeitete auch für Arzberg. Wilhelm Wagenfelds Teeservice aus Glas ist zu sehen, aber auch Produkte wie der Kohleofen vom Architekten Walter Gropius, den der Gründer des Bauhauses noch in den 30er Jahren entworfen hatte. Die Firma Oranier (Gladenbach, Hessen) hatte den grauen Ofen hergestellt. Es ist das älteste Stück der Retro-Schau. Von Gildemeister ist eine Revolverdrehbank für Rohrstücke zu sehen. Die ausgestellte Maschine war bei Kunden von Gildemeister entdeckt worden. Sie ist noch betriebstauglich. Heute arbeitet Gildemeister auf Initiative aus Essen an einer eigenen kleinen Firmengeschichte. Die Revolverdrehbank war 1955 nur auf einem Großbild zu sehen, wie auch der Mercedes Benz SL 300 von 1952, der Prototyp des Roadster. Er passte 1955 nicht durch die Tür des „Kleinen Hauses“ der Villa Hügel. Heute ist extra eine Sicherheitsanlage für 15 000 Euro installiert, damit der Oldtimer zum Herzstück der Schau werden konnte. Er begründet die Mercedes-Baureihe W-198 von 1954. Die ausgestellte „Urform“ hatte ein Team unter der Leitung von Rudolf Uhlenhaut in Handarbeit gefertigt.

Nostalgisch wird die Schau in Essen nicht. Auch wenn von der Firma AEG der „Schneewittchensarg“ ausgestellt ist, eine Musiktruhe mit Plattenspieler unter einer Plexiglashaube. AEG steht als erstes Unternehmen, das ein Markendesign entwickelt hat. Ob Radio, Plattenspieler oder Kleinstempfänger, mit ähnlichen Bauteilen wird das AEG-Gen sichtbar gemacht. Überraschend sind noch eine Nähmaschine von Zündapp, das Industrieporzellan von Rosenthal und der runde Werkzeugkasten, der ins Reserverad vom VW-Käfer passte. Das Historiker-Team in Essen hat die Originalstücke von 1955 noch einmal aufgetrieben.

Die Essener Designgeschichte ist mit Büsten namhafter Architekten, Fotografien und Gestaltbeispielen angerissen. Die Zeche Zollverein war von Schupp und Kremmer 1929 als Gesamtkunstwerk entworfen worden. Eine historische Außenlampe belegt, dass Architekt Martin Kremmer auch Details gestaltete wie viele Baumeister seiner Zeit. Georg Metzendorf, der die Gartenstadt Essen-Margarethen-höhe plante, entwarf sogar die Tür- und Fensterbeschläge selbst. Eine Fotografie zeigt Elisabeth Treskow, die die Folkwangschule 1915 in Essen besuchte, ab 1923 auf Margarethenhöhe lebte und mit ihren Kölner Studenten 1949 die Meisterschale für den Deutschen Fußballbund entwarf. Die Schale, die Rotweiß Essen 1955 gewann, wird in Halle 5 gezeigt.

Der Verein Industrieform musste 1961 die Villa Hügel verlassen und kam über die Alte Synagoge (bis 1979), das Amerikahaus (bis 1988) und die Stadtbibliothek (bis 1997) ins Kesselhaus auf Zollverein. Stararchitekt Norman Foster baute die Ruine zum Design-Zentrum um. Hier wird am Montag wieder der Red Dot vergeben, die international anerkannteste Auszeichung für gutes Design, wie Peter Zec sagt, Initiator dieser Produkt-Auszeichnung und Leiter des Design Zentrums.

Die Schau

Historischer Blick aufs Industriedesign von 1955 und auf Institutionen, die Essen als Standort für Produktgestaltung ausweisen.

Dauernde, nicht endgültige Form 60 Jahre Designgeschichte in Essen. Zeche Zollverein, Halle 5, Essen. Ab Montag bis 23. August; täglich 10 bis 18 Uhr;

www.red-dot-design-

museum.de

www.ruhrmuseum.de

Quelle: wa.de

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