„Derek Jarman – Super8“ in der Stoschek Collection

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Derek Jarman Imagining October, 1984 – zu sehen in der Retrospektive „Derek Jarman – Super8“. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DÜSSELDORF-Blau war die letzte Farbe, die Derek Jarman sehen konnte, bevor er in Folge einer Aids-Erkrankung vollkommen erblindete. Der Regisseur widmete ihr einen Spielfilm. „Blue“ zeigt über 79 Minuten ausschließlich Nuancen der Farbe blau, im Hintergrund sprechen Stimmen ein Gedicht. Den leuchtenden Blauton, der die Leinwand ausfüllt, ließ sich Jarman kurz vor seinem Tod 1994 als „Jarman Blue“ schützen, so wie es der Maler Yves Klein bereits mit seinem „Yves Klein Blau“ getan hatte. Der Film steht künstlerisch gleichberechtigt neben der bildenden Kunst, signalisierte Jarman selbstbewusst mit diesem Akt.

Die Düsseldorfer Kunstsammlerin Julia Stoschek stellt im Haus ihrer Collection das Werk des Experimentalfilmers Derek Jarman vor und präsentiert damit erstmals einen einzelnen Künstler in einer Ausstellung: „Derek Jarman – Super8“. Als Europa-Premiere ist in Düsseldorf eine umfassende Retrospektive aus dem Super 8-Archiv des Briten zu sehen, das Stoschek für die Schau aufbereiten ließ. Sie dokumentiert die künstlerische Entwicklung und das Selbstverständnis Jarmans, der mit seinen Musikvideos für die Pet Shop Boys („It‘s a Sin“) und The Smith die Popkultur der 1980er Jahre prägte.

Als „Kino der kleinen Gesten“ bezeichnete der Brite die Super8-Filme. Er war mit diesem Medium eng verbunden und fasziniert von der einfachen Technik des billigen Handapparates und den unmittelbaren, sinnlichen Bildern, die dieser produzierte. Der studierte Kunsthistoriker und Theaterkulissenmaler erforschte die künstlerische Möglichkeiten und nutzte sie, um sich selbst zu inszenieren.

So gewährt Jarman in seinem ersten Film „Studio Bankside“ (1970-73) Einblick in sein Leben, seine Wohnung am Themseufer in London und seinen Tagesablauf. Die Arbeit, die am Eingang der Schau zu sehen ist, geht jedoch über ein filmisches Tagebuch hinaus. Indem er die Geschwindigkeit des Films variiert, Zoom und Farbsplitter einsetzt, schafft er Distanz zu den intimen Momenten, die sich vor der Kamera abspielen. In einem Augenblick erinnern die flackernden Bilder an private Filmversuche, dann gleiten sie auf eine andere Ebene und entwickeln sich zum avantgardistischen Kunstwerk.

Wie Gemälde sind die Filme an den Wänden der Stoschek-Collection inszeniert. Im großen Raum im ersten Stockwerk zeigen fünf Monitore Momente aus dem privaten und subkulturellen Umfeld Jarmans in den 1970er Jahren: Mit pixeligen Schwarz-Weiß-Aufnahmen porträtiert der Kurzfilm „Miss World“ die alternativen Miss-Wahlen der Schwulenszene: Allerlei schräge Vögel konkurrieren in ausgeflippten Outfits auf dem Laufsteg, unterwandern und zelebrieren damit gleichzeitig das klassische Schaulaufen der Fräuleins. „Andrew Logan Kisses the Glitterati“, ein Super8-Video von 1973, deutet auf Jarmans Bewunderung für Andy Warhol. In dem Film stellt er dessen Rituale aus der Factory mit dem exzentrischen Gesamtkunstwerk Logan nach und entwirft so eine Hommage und liebevolle Karikatur.

Die große Stärke dieser Schau ist die Nähe zu Derek Jarman. Sie erforscht seine Bewunderung für barocke Maler wie Caravaggio und Michelangelo, den Kampf für Schwulenrechte und die künstlerischen Spuren, die er nach seinem Tod mit nur 52 Jahren hinterlassen hat.

Doch vielmehr noch entsteht diese Nähe durch die enge Verbindung zu Jarmans Umfeld. Seine früheren Mitarbeiter und enge Freunde arbeiteten an dem Konzept und der Umsetzung der Ausstellung in Düsseldorf mit. So komponierte der britische Musiker Simon Fisher Turner, der bereits für die Musik zu Jarmans Spielfilm „Caravaggio“ verantwortlich war, eine Klanglandschaft für die tonlosen Filme. Die unaufdringlich meditativ wirkenden Klänge in den Ausstellungsräumen deuten auf die Atmosphäre der Partys, Happenings und Kulturveranstaltungen hin, bei denen Jarman seine Videos ursprünglich vorführte. In Düsseldorf verbinden die Elektro-Klänge die einzelnen Filme zu einer Inszenierung und verleihen ihnen so eine zusätzliche Qualität.

Dies gilt besonders für die elf Arbeiten, die im zweiten Stockwerk des Museums in einer Art Panorama zu sehen sind. In diesen Filmen entfernte sich Jarman von der Dokumentation des eigenen Umfeldes und wählte abstraktere Bilder. Immer noch in den 1970er Jahren, stellte er magische Rituale und die Bedeutung der Zeichen und Farben in den Mittelpunkt. So verfremdete er Landschaftsaufnahmen mithilfe von Farbfiltern, zeigte Totentänze in Licht und Schatten, filmte Kultstätten durch Farbfolien oder legte Aufnahmen übereinander. Stets ist hier spürbar, dass Jarman mit diesen Effekten zwar experimentierte und spielte, sie aber nie einsetzte, um aufzuregen oder zu beeindrucken. Vielmehr belegen diese Aufnahmen die handwerkliche, ganz klassische Arbeitsweise des introvertierten Künstlers. Manche Filme, etwa die mystisch gelben Landschaftsaufnahmen in „Journey to Avebury“ (1971), erinnern an die Motive der alten niederländischen Meister.

Die umfassende Retrospektive aus dem Super8-Archiv von Derek Jarman zeichnet eine besondere Nähe zum Künstler aus.„Number Four: Derek Jarman – Super8“. In der Julia Stoschek Collection in Düsseldorf. Bis 26. Februar, geöffnet sa. 11 – 18 Uhr. Tel.: 0211/5858840, www.

julia-stoschek-collection.net

Katalog 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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