„Der Vorname“ am Borchert-Theater Münster

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Finger Food im Borchert-Theater: Sven Heiss (von links), Sabrina vor der Sielhorst, Jürgen Lorenzen und Florian Bender kommen ins Gespräch. Szene aus „Der Vorname“.

Von Anke Schwarze -  MÜNSTER Ein Ehepaar rüstet sich für einen gemütlichen Abend mit Freunden. Beide rennen umeinander, balancieren mit Tellern, Stühlen oder Telefonhörer. Irgendwann, mittendrin, fällt sie, die Frage der Frau: „Bleibst du so oder ziehst du dich noch um?“ Die französische Komödie „Der Vorname“ bedient sich ganz gerne bei Klischees von Ehe-Konversation und Gesellschaftshierarchie.

Trotzdem kann man am Wolfgang-Borchert-Theater in Münster darüber lachen. Der Abend macht einfach Spaß in der Art, wie die bissigen Pointen vom fünfköpfigen Ensemble kredenzt werden – auf den Punkt. So wie das Essen, das zum heimlichen Hauptdarsteller wird. Schälchen mit farblich sortierten Vorspeisen, sorgfältige Arrangements von Fleisch- und Gemüsespießen, Etageren mit Nüssen und Dips: Die Hausfrau fährt im Akkord auf. Am Ende liegt die kulinarische Kunst auf dem Boden, zermatscht wie die Regeln der Konversation. Aus dem heimeligen Abend ist ein wüster Schlagabtausch geworden, der nicht nur verbal ausgetragen wird.

Den Sprengstoff liefert eine Diskussion um den politisch korrekten Gebrauch des Vornamens „Adolf“. Sie entlarvt Freundschaft als Konkurrenzkampf und intellektuelle Reflexion als Getue. Dafür haben Kathrin Sievers (Regie) und Annette Wolf (Bühne und Kostüme) ein realistisches Szenario entworfen, in das sie wenige, gut dosierte Stolpersteine einbauen.

Am Anfang präsentieren sie eine fast leere Bühne, nur bevölkert von ein paar stapelbaren Beistelltischen und den Darstellern, die ihre Rollen gegenseitig kommentieren. Alles könnte möglich sein auf dieser Projektionsfläche. Doch mit Fortschreiten des Abends verbauen sich Gastgeber und Gäste zunehmend den Weg. Sie umschiffen die Klippen der Konversation so mühsam wie die kühlen Designerstühle, weitere Tischchen und Essensberge. Am längsten hält Gastgeberin Elisabeth die Façon aufrecht. Mit festgetackertem persilweißem Lächeln rollt sie auf den Trümmern ihrer Esskultur eine Riesenetagere herein, auf der ein bukolisches Obstarrangement prangt.

Die Rollen in „Der Vorname“ sind eher Typen als Charaktere. Aber die Schauspieler wissen, wann sie überspitzen dürfen und wann glaubwürdige Emotionalität angebracht ist. Wie Sabrina vor der Sielhorst: Die Fassade ihrer Elisabeth bröckelt erst ganz am Schluss. Und plötzlich sind ein paar scharfe Falten um ihren Mund, als sie Ehemann Pierre die Bilanz ihrer für ihn geopferten Träume um die Ohren haut. Diesem Pierre, einem Literaturprofessor, verleiht Jürgen Lorenzen gelungen enervierende Manierismen – dieses Schnütchen, wenn er seine apodiktischen Argumente nachkaut, dieses Reiben der Fingerspitzen, wenn er die nächste Besserwisserei vorbereitet.

Sven Heiß agiert als Pierres Schwager und Jugendfreund Vincent. Ein breitbeinig auftretender Kerl mit einer lauten Vorliebe für geschmacklose Scherze. Seine Lust an sinnloser Provokation hält nur er für rebellisch, bis er sich gegenüber dem jungen Liebhaber seiner Mutter als der größte Spießer erweist. Florian Bender als Hausfreund Claude und Mara S.P. Stroot als schwangere Frau von Vincent fallen die Rollen der elegant-beobachtenden Typen zu. Sie verkörpern, was Vincent über einen von ihnen urteilt: „Claude schreibt nur das Protokoll.“

Jeder Figur hat Annette Wolf die passende Kleidung auf den Leib geschneidert. Elisabeth, in der Doppelrolle von Hausfrau und Lehrerin, hetzt in dezent gemusterter Bluse und praktischer Trevira-Hose über die Bühne. Die Hose darf rot sein, wie eine Hausfrau und Lehrerin eben auch ein bisschen modern. Die in der Modebranche tätige Anne präsentiert ihren Babybauch in einem schicken, violetten Strickkleid. Vincent verkündet seinen Nonkonformismus durch ein Hemd mit lautem Flaschenprint. Der intellektuelle Pierre fühlt sich in einer dunkelgrünen, zugeknöpften Strickjacke wohl, wie man sie in der Universitätsstadt Münster durchaus an Professoren beobachten kann. Und nein, er zieht sich nicht für seine Gäste um.

22., 31.12.; 17.,18.,19.1.; Tel. 0251/40019; www.wolfgang-borchert-theater.de

Quelle: wa.de

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