„Der talentierte Mr. Ripley“ in Castrop-Rauxel

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Richard (Bülent Özdil, links) überrascht Tom (Thomas Zimmer) in der Inszenierung „Der talentierte Mr. Ripley“.

Von Achim Lettmann -  CASTROP-RAUXEL Irgendwo in den Straßenschluchten New Yorks greift Tom Ripley nach der Chance seines Lebens. Er nimmt das Angebot von Mr. Greenleafs an und fährt 1954 nach Italien, wo der Sohn des Werftbesitzers das Dolce Vita genießt. Er soll aber Schiffe bauen und nach Hause kommen.

Tom flippt aus, so eine Reise, und Thomas Zimmer bewegt den schüchternen Burschen auf seinem Weg zur „Menschwerdung“ energiegeladen, gierig und ohne Angst vor der eigenen Courage.

Am Westfälischen Landestheater in Castrop-Rauxel verdichtet Regisseur Lothar Maninger die ersten Szenen aus Patricia Highsmiths Psychothriller „Der talentierte Mr. Ripley“ (1955) zu einem Film noir: stumpfe Backsteinwände, fahles Licht und tiefsitzende Hüte. Es fühlt sich wie ein Komplott an, das die Männer da verabreden. Kann der Vater nicht seinen Sohn in Italien selbst besuchen? Etwas Unaufrichtiges ist der Keim einer Geschichte, die ein Welterfolg wurde und als Verfilmung (mit Matt Damon und Jude Law) psychologisches Unterhaltungskino (1999) geboten hat.

Regisseur Maninger entwickelt im Studio der WLT-Bühne ein pointiertes Dialogtheater (Fassung: Bastian Kraft). Auf zwei beweglichen Stellwänden flackern kurze Videos (Maik Rosenkiewicz) zu Montebello, Neapel, Rom, Sanremo und Venedig; es sind keine Touristenbilder, sondern Stimmungen mit Text-Zeit-Angaben. Jazzstandards sind im Tempo Dexter Gordons zu hören.

Dass Babyface Tom dem introvertierten Maler Dickie ein Freund wird, der Musik und das leichte Leben genießt, bleibt am Anfang mehr Behauptung, als das ein Moment spürbar wird, der beide verbindet. Bülent Özdil ist als eitler Dickie zu introvertiert, als das seine Sorglosigkeit überzeugt, mit einem ihm unbekannten US-Boy das Haus zu teilen. Dagegen erprobt Thomas Zimmer seine Figur Tom als Self-made-Man, der mal den Partykumpel, mal den Kunstfreund gibt. Auch als Kummerkasten bleibt er vordergründig loyal, um gleichzeitig seine Vorteile ins Auge zu fassen. Ein Spiel, das vor allem im zweiten Teil die situative Tiefe erhält, die dem Theaterabend gut tut. Thomas Zimmerman gelingt es den Sunnyboy in einen Hochstapler zu verwandeln, der seinem fehlenden Selbstwertgefühl mit Kalkül begegnet. Sowie ihm Mr. Greenleaf per Brief die Unterstützung aufkündigt, und Dickie ihm die kalte Schulter zeigt, beherrschen Wut und Verzweifelung Toms Mimik. Er schreit und hat Angst, sein Doppelleben zu verlieren. Als „Dickie“ will er eine neue Identität annehmen, es allen zeigen. Mit einem Paddel erschlägt er den Amerikaner, streichelt die Leiche und versenkt sie. Alles ist als Schattenspiel hinter der Stellwand zu sehen. Etwas Monströses gibt Tom tatsächlich Format.

Regisseur Maninger portioniert die Dramaturgie des Thrillers in zahlreichen Bildern. Die kurzen Auftritte dosieren die Spannung und lenken den Fokus immer wieder auf Tom. Daneben wird Marge, die in Dickie verliebte Schriftstellerin, von Samira Hempel skeptisch, aber vor allem indigniert und lethargisch gegeben. Lebemann Freddie, den Thomas Tiberius Meikl spitzfindig und mit amüsanter Überheblichkeit bewegt, deckt Toms Spiel auf und wird erdrosselt. Als unangenehme Fragensteller rütteln der eifrige Kriminalist und der coole Detektiv (beide Guido Thurk) an Toms Lügengerüst, ohne es zu Fall zu bringen. Es ist eine Jagd, bei der Tom seine Gegner täuschen kann. Das unterhält und fasziniert. Toms perfide Winkelzüge sind vor allem die Schau der Inszenierung am WLT. „Der talentierte Mr. Ripley“ hat sein Babyface am Ende gegen ein Gewinnerlächeln getauscht.

21.10. Castrop-Rauxel und andere Orte; Tel. 02305/97 80 20; www.westfaelisches-

landestheater.de

Quelle: wa.de

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