„Der schwarze Garten“ von Hans-Henning Paar in Münster

Düstere Ästhetik: Das Tanztheater „Der schwarze Garten“ an den Städtischen Bühnen Münster. - Foto: Berg

Von Edda Breski -  MÜNSTER Bebend flieht die Dame in Weiß, sie wirft sich zu Boden und wird umkreist von einem Mann und einem vermummten Zwerg. Ihre Verfolger kosten die Situation aus, während sie sich windet. Die Szene im Kleinen Haus in Münster verlangt der Tänzerin Maria Bayarri Perez als Spukgestalt rasend schnelle Bourrées auf den Knien ab. In Münster bringt Tanzchef Hans-Henning Paar viktorianischen Horror auf die Bühne.

Da ist die zarte Frau – die große, elegante Sandra Guénin, die zuvor als belle dame sans merci über die Bühne schritt, wird im durchsichtigen Bustierkleid dargeboten. Den wilden Mann gibt Cornelius Mickel mit einer großen Portion Selbstverliebtheit, neben ihm huscht die Gruselgestalt, die ebenfalls Anspruch auf das Weib erhebt. Das Opfer geht in Schönheit zugrunde.

Das anderthalbstündige Tanztheaterstück „Der schwarze Garten“ bezieht sich auf ein Gedicht des Spaniers Manuel Machado, das Urängste und das sich Verkriechen beim Geliebten behandelt. Obwohl Paar Referenzen aus dem 20. Jahrhundert aufruft – seine Tänzer wispern Sätze unter anderem von Erich Fromm, es gibt eine Sequenz, in der eine Tänzerin von ihrem Partner gestützt die Wand hochläuft wie in dem Film „Romeo must die“ –, bewegt er sich thematisch ein Jahrhundert früher. Übrigens unterlässt er es auch, politische Verbindungen zu ziehen: Machado war Falangist, ein Anhänger des Diktators Franco.

Paars Nachtwelt ist bevölkert von Typen der Schauerromantik: Geistern, Gnomen, Würmern, Menschen, die maschinen- oder tierhafte Züge tragen. Die strenge Ako Nakanome auf Spitzenschuhen, mit einer Heckenschere schnappend. Ein fast nackter Mann, der sich aus dem Bühnenuntergrund erhebt, um sich einer Frau – wieder im transparenten Kleid – zu bemächtigen, die Zappelnde per Vampirbiss zu töten und in den Untergrund zu verschleppen. Dazu hat Paar Klavierstücke von Sergej Rachmaninow ausgesucht. Die schwelgenden Melodiebögen und ihre Auflösung in glitzernde Läufe lässt Elda Laro live am Flügel perlen.

Übergroße Nachtblumen nicken über den Köpfen der Tänzer, die sportliche Leistungen vollbringen. Die großen melodischen Aufschwünge von Rachmaninows „Und Nacht, und Liebe“ aus der „Fantaisie de tableaux“ übersetzt Paar in einem Männerduett in große, gehaltene Posen und Sprünge, in denen sich die Tänzer vom Boden zu weiten Schwüngen hochstemmen. Aus den „Sinfonischen Tänzen“ stammt der „Groteske Walzer“, Paare in Tournüren und Corsagen (Kostüme und Bühne: Isabel Kork) umkreisen einander, nackte Haut im bleichen Licht.

Paar reiht vorfreudianische Phantasien zum Bilderbogen, ohne sie auch nur zu brechen. Das macht den Abend vorhersehbar. Spurenelemente von Ironie finden sich zwar. So lässt Paar den Tänzer Vladimir de Freitas Rosa, einen großen dunkelhäutigen Mann, im schwarzen Tülltütü auftreten. Eine Maske auf dem Hinterkopf macht ihn zur Janusgestalt, und als er den Hintern bleckt, trägt auch der eine Fratze. Interessanterweise tanzt Freitas Rosa später den „Herrn Tod“, aber das thematisiert Paar nicht. Der Tod als Gleichmacher, als großer Äffer? Nein, bei Paar ist er eine Maske im Rollkragenpulli.

Vorhersehbar sind vor allem die Geschlechterrollen: Der Mann flext die Muskeln und darf sich als Narziss im Spiegel bewundern, die Frau windet sich mit bebenden Brüsten in einem Nichts an Stoff auf dem Boden. Fällt Paar wirklich nichts anderes ein? Schade. Eine verpasste Gelegenheit in Münster.

Das Stück

Das Tanztheaterstück handelt Fantasien der einschlägigen Horror-Romantik ab, bietet aber neben ästhetischen Bildern wenig Neues: Der schwarze Garten von Hans-Henning Paar zu Musik von Sergej Rachmaninow und Lubos Fiser.

30.10., 2., 8., 16., 23.11., 3., 26.12., 22.1., 22.2., 4.3., 5.4.,

Tel. 02 51/59 090,

www.theater-muenster.de

Quelle: wa.de

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