Im Regen und im Kopf des Mörders

Der Schauraum Comic in Dortmund würdigt den US-Zeichner Will Eisner

Durch die Augen des Mörders blickt der Leser: Detail aus der Episode vom 8.12.1946.
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Durch die Augen des Mörders blickt der Leser: Detail aus der Episode vom 8.12.1946.

Selten wurde Trostlosigkeit so materialisiert wie in dieser Seite von Will Eisners Graphic Novel „Signale aus einer anderen Welt“. Der Zeichner tränkt seine Erzählung in sintflutartigen Regen, während seine Figuren finsteren Gedanken umtreiben.

Dortmund – Dabei spielt Eisner virtuos mit Räumlichkeit. Der Regen ist zugleich im Bild und außerhalb, er prasselt auf die schäbige Hütte, in der der Astrophysiker und der Mafioso Zuflucht suchen, und er scheint auf die Buchseite zu fallen, fließt da herab, wo normalerweise weiße Balken die Panels der Seite trennen. Und so hat man zwar die klassische Szenenfolge einer Bilderzählung. Aber zugleich klammert Eisner die Seite zu einer Einheit zusammen, die den Betrachter geradezu stofflich erfasst.

Die meisterliche Originalzeichnung ist im Schauraum Comic in Dortmund zu sehen. Das Institut zeigt die erste deutschsprachige Werkschau dieses herausragenden Künstlers. Kurator Alexander Braun hat 70 Originale aus dem Nachlass Eisners und eine Fülle an weiterem Material zusammengetragen, die den Erfindungsreichtum und die erzählerische Kraft des Zeichners vermitteln.

Will Eisner (1917–2005) hat die Graphic Novel nicht erfunden. Aber er hat sie als seriöse Erzählform etabliert. Welche Wertschätzung dieser Künstler genießt, sieht man daran, dass der „Oscar“ der Comicbranche, der seit 1988 vergeben wird, seinen Namen trägt: „Will Eisner Comic Industry Award“.

Eisner war Kind jüdischer Immigranten. Der Vater war ein österreichischer Maler, der in die USA auswanderte, weil er nicht in den Ersten Weltkrieg ziehen wollte. In New York lebte die Familie in prekären Verhältnissen. Will wurde als Kind Straßenverkäufer für Zeitungen. Sein Talent wurde früh erkannt, und sein Vater förderte ihn.

In den 1930er Jahren brauchte Eisner einen Job, der Geld einbrachte. Für einen Einwanderer aus der Unterschicht mit künstlerischen Ambitionen bot die expandierende Comic-Branche Möglichkeiten. Eisner etablierte sich in einem Studio, das Verlegern Material für Abenteuer-Geschichten lieferte, zum Beispiel eine weibliche Version von Tarzan. Dann bekam Eisner das Angebot, für ein großes Syndikat eine Beilage für Tageszeitungen im Heftformat zu gestalten. Die Kunden wünschten sich eine Superheldengeschichte. Von der Idee war Eisner nicht begeistert: „Warum zum Teufel sollte ein Typ mit einer Maske herumrennen und Gangster jagen? Das war mir immer zu hoch.“ Der Held, den er schließlich erfand, besaß keine Superkräfte und trug nur eine Augenmaske wie Zorro. Der Geist, „The Spirit“, stand bei den meisten Geschichten gar nicht im Zentrum. Stattdessen ging es um die Menschen um ihn herum, um das normale Leben. Dafür revolutionierte Eisner die Erzählweise des Comics.

„The Spirit“ hatte, anders als Superman, Batman und die anderen, kein festes Logo. Auf jeder Titelseite sah der Schriftzug anders aus, bildete mal Teil der Skyline, blitzte im Scheinwerfer eines Busses auf einer Plakatwand auf, wurde aus Papierfetzen auf dem Bürgersteig oder aus Gerümpel in einem alten Schuppen geformt. Eisner brach die starre Form der aufeinanderfolgenden Bilder, er gestaltete Texte als Gedicht. Zu Thanksgiving ließ er Little Willum auftreten, einen Waisenjungen, der aus Verzweiflung Gangster werden will, aber dann doch zurückschreckt und den Spirit warnen will. Die Zwischentexte sind Longfellows berühmtem Gedicht „The Song of Hiawatha“ nachgebaut. In einer anderen Erzählung versetzt Eisner seine Leser in den Kopf eines Mörders und lässt sie durch die Augen des Bösewichts blicken. Und bei einer weiteren Episode liegt der Held nach einer Schießerei verwundet in einem Hinterhof eines Mietshauses. Während er verzweifelt versucht, auf sich aufmerksam zu machen, geht um ihn herum der Alltag eines heißen Sommertages weiter. Diese Episoden sind in Dortmund komplett anzuschauen.

Schon im Krieg hatte Eisner für die Army gearbeitet und den Spirit seinem Studio überlassen. Anfang der 1950er Jahre gerieten die Comics zusehends unter Druck. Das Medium galt als jugendgefährdend, fast so schlimm wie Pornografie. Nun wechselte Eisner das Publikum: Er gestaltete Gebrauchsanweisungen und Lehrmaterial für die Army. Mit Figuren wie dem Trottel Joe Dope und der Blondine Connie Rodd vermittelte er den Soldaten, dass sie ihre Waffen und Fahrzeuge pflegen mussten. Seine Ideen dabei waren immer noch frappierend: Ein Heft des Vorsorge-Magazins war im Stil altägyptischer Hieroglyphen ausgeführt. Aber der Künstler verschwand aus dem Bewusstsein des Comic-Publikums. Neu entdeckt wurde er in den 1960er Jahren. Da wurde auch die „Spirit“-Gestaltung von den Machern von Mainstream-Comics wie „Batman“ und „Hulk“ kopiert.

1970 erlitt Eisner mehrere Schicksalsschläge. Seine Tochter starb an Leukämie, sein Sohn erkrankte an einer Psychose. Eisner zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. 1977 begann er mit einem neuen Projekt: „Ein Vertrag mit Gott“. Das war ein durchgestaltetes Buch. Die Titelerzählung handelt von einem Rabbi, der seinen Glauben verliert, weil seine Tochter stirbt. Er wird als Immobilienspekulant reich und lässt einen neuen, besseren Vertrag mit Gott aufsetzen, der ihm Leiden ersparen soll. Das ist ebenso von Eisners Biografie inspiriert wie die Episode, in der er die Ehe seiner Eltern schildert und den ersten Sex eines Jungen mit einer älteren Frau. Er erschließt dem Medium Comic neue Stoffe.

Dieses erste ausdrücklich „Graphic Novel“ untertitelte Buch über das Leben in den großen Mietshäusern war 1978 kein Erfolg, aber Eisner arbeitete schon am nächsten Band. Am Ende hatte er 16 weitere Bücher geschrieben und Platz für das Medium in den Buchläden erkämpft. In „Signale aus einer anderen Welt“ (1978-1980) zeichnet er ein düsteres Bild der Gegenwart mit Geheimdienstintrigen und einem gierigen multinationalen Konzern. Einen weiteren Band widmet er 2005 den „Protokollen der Weisen von Zion“, einer antisemitischen Fälschung.

All das findet man ebenso in der Dortmunder Schau wie seine Lehrbücher, in denen er (natürlich in Comicform) die Kunst des Comics analysiert. Und sein erfolgreichstes Buch, zumindest was die Einkünfte anbelangt, die es ihm bescherte: Ein Buch mit Rezepten für 2000 Drinks, ohne Zeichnungen: „The Complete World Bartender Guide“.

Die Schau begleitet ein profunder Katalog, der neben vielen Illustrationen, Werkinterpretationen und biografischen Details auch ein Interview mit Eisners langjährigem Verleger Denis Kitchen enthält. Die Ausstellung wird 2022 noch im Kunstmuseum Erlangen, im Cartoonmuseum Basel und im Schleswig-Holsteinischen Landesmusum Schloss Gottorf gezeigt.

Zeitfenster-Ticket: www. dortmunder-museen.de. Bis 27.6., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr, https://comic.dortmund.de; Katalog, avant-Verlag, Berlin, 25 Euro, im Buchhandel 39 Euro.

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