„Der nackte Wahnsinn“ an den Städtischen Bühnen Münster

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Umwerfend: Szene aus „Der nackte Wahnsinn“ in Münster mit Christiane Hagedorn, Ilja Harjes und Bernhard Glose (vorn). ▪

Von Anke Schwarze ▪ MÜNSTER–Ungezählte Male tragen die Schauspieler einen Teller mit Sardinen über die Bühne. Regisseur Lloyd Dallas misst den Sardinen einen hohen Symbolwert zu. Leider verlieren seine Darsteller den Überblick über die glibbrigen Meerestiere, die dem Regisseur am Ende um die Ohren fliegen. Es ist „Der nackte Wahnsinn“.

Es ist eine bissige und witzige Farce, die der echte Regisseur Markus Kopf im Kleinen Haus der Städtischen Bühnen Münsters inszeniert. Er taucht die Satire von Michael Frayn in ein schrilles, lila-gelbes Barbie-Wohnzimmer, bevölkert mit Schauspielern, die einer Sit-Com der 60er Jahre entsprungen sind. Er parodiert klassische Screwball-Komödien und versteht es gleichzeitig, deren Effekte nicht nur zu verzerren, sondern zum eigenen Gewinn einzusetzen.

Die Farce wirft durch ein Stück-im-Stück einen selbstironischen Blick auf den Theaterzirkus. Eine Theatergruppe spielt einen dürftigen Schwank, von dem die Zuschauer nur den 1. Akt sehen. Den sehen sie dafür gleich drei Mal. Zunächst sind sie Zaungäste bei den Proben zu einer altbackenen Tür-auf-Tür-zu-rein-raus-Komödie. Kopf schont das Publikum nicht und wiederholt diesen Effekt in Endlosschleife. Dafür entschädigt eine perfekte Choreografie. Wie aus einem Guss rauscht die beleidigte Ehefrau aus einer Tür, stürmt der feurige Liebhaber durch die nächste Tür, klettert der Einbrecher durchs Fenster.

Trotzdem mag sich mancher Zuschauer fragen, ob das Türenschlagen irgendwo hinführt. Das eint ihn mit der gespielten Schauspieltruppe. Die begehrt gegen das Herumtragen von Sardinen auf. „Warum trägt überhaupt irgendjemand irgendetwas“, faucht Freddy Fellows, der ehemalige Volksschullehrer aus einer berühmten Theaterfamilie. „Ich weiß es nicht und der Autor wahrscheinlich auch nicht“ giftet Regisseur Lloyd Brown zurück.

Das Türenschlagen, am Anfang zum Absurden geführt, hat in der zweiten Version des 1. Akts Methode. Die Bühne dreht sich um 180 Grad und enthüllt die schäbige Rückwand des schicken Pop-Art-Bühnenbilds. Hinter den Kulissen toben Eifersucht, Hysterien, Intrigen. Doch das Stück muss weitergehen, und das Karussell zwischen den Türen wird zur Drehscheibe von Tritten, gezischelten Wortgefechten und stummem Trost. Die Szene lebt von gekonnten Scharaden und chaplineskem Klamauk.

„Der nackte Wahnsinn“ steigert sein Tempo wie ein gut gespieltes Accelerando. Nach einer ausführlichen ersten Version jenes einen Akts geht die nächste Version deutlich zügiger über die Bühne. In der dritten Version bleiben nur noch Bruchstücke übrig. Die Truppe humpelt und kriecht in verschiedenen Stadien körperlicher Versehrtheit auf die Bühne. Die einen verlegen Requisiten, die anderen sinnieren laut über ihren Text, das Original tritt gleichzeitig mit seinem Double auf. Die Demontage schreitet voran, bis der Text dem Geschehen hinterherhinkt. Der Effekt gleicht einer falsch eingelegten Tonspur beim Film, nichts passt mehr zusammen.

Die echten Darsteller spielen mit überzeugendem Spaß an der Sache. Sie parodieren den sensiblen Schauspielertyp, die gut informierte und treu sorgende Drahtzieherin, den sarkastischen Regisseur. Sie toben sich im pantomimischen Schlagabtausch aus. Und sie beweisen jede Menge Ausdauer und akrobatisches Talent, wenn sie in ungebremsten Tempo die Treppen rauf und runter rennen oder fallen. Das ist beste Komödie bis zum Programmheft. Auch das spielt eine Farce, was spätestens auffällt bei dem Hinweis: Sardinen von „Super Sardines“, täglich frisch aufgetaut.

20., 25., 28. 5., 3., 7., 15., 18., 22. 6., 20.7.;

Tel. 02 51/ 59 09 100,

http://www.stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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