„Der nackte Wahnsinn“ in Dortmund

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Vicki (Merle Wasmuth) und Garry (Frank Gense) haben Angst in der Dortmunder Inszenierung „Der nackte Wahnsinn“.

Von Achim Lettmann -  DORTMUND Ein bisschen Zeit hat die Schauspielerin Friederike Tiefenbacher schon, bevor sie als Dotty an der Rolle einer Haushälterin scheitert. Dotty muss der Abgang aus dem Living-Room einer englischen Boulevard-Komödie misslingen.

Die Generalprobe läuft. Telefon, TV-Zeitschrift und Sardinenteller kann sie nicht sortieren. Warum nur, denkt sich der Regisseur auf der Bühne und das Dortmunder Publikum. Morgen ist Premiere.

Dabei müht sich Dotty auf der beigefarbenen Couch im Wohnambiente „English Breakfirst“, und Friederike Tiefenbacher hätte dieser Darstellerin der leichten Unterhaltung die Würde einer Kollegin geben können, die unter dem mörderischen Spielbetrieb des Tourneetheaters in der britischen Provinz zerrieben wird. Schade, dieses Charakterprofil war ihr nicht vergönnt. Schnell wird in Dortmund aus der Doppelrolle Dotty/Haushälterin eine vorhersehbare wie dösige Figurendemontage.

Ist das komisch? Oder nur hämisch? Auf dem Programm steht „Der nackte Wahnsinn“. Ein Stück von Michael Frayn, das seit 1982 für Amüsement sorgt und das Repertoire zahlloser Stadttheater auflockert. In Dortmund führen Peter Jordan und Leonard Koppelmann Regie. Bereits mit der Inszenierung zu „Arsen und Spitzhäubchen“ gefeiert, geben die beiden dem Affen richtig Zucker. Was im deutschen Titel schon anklingt – „Wahnsinn“ (Originaltitel: „Noises Off“, also „Ruhe bitte“) – hat das Führungspersonal enthemmt. In die Figuren fühlt sich niemand ein, stattdessen wird ein Bausatz für theatralisches Chaos gezündet.

Im 1. Akt probt die Truppe ein Boulevardstück. Regisser Lloyd kennt seine Pappenheimer. Andreas Beck dröhnt mit jedem Satz vorwurfsvoll, gibt Assistent Poppy (Peer Oscar Musinowski) einen Klaps und ist genervt. Was wird eigentlich gespielt? Zwei Paare wollen ein Stadthaus für Liebeleien nutzen. Erst weiß man nichts voneinander, dann fliegt die Geheimnistuerei auf. Hochstapler, Herzensritter, Steuersünder, ein bis drei Räuber und ein Ölscheich stoßen aneinander. Und die Haushälterin bringt „einen Teller Sardinen“.

Frank Gense gibt den schnöseligen Garry, Merle Wasmuth bewegt als Vicki die erogene Zone, die immer ihre Kontaktlinsen sucht. Ekkehard Freye dramatisiert als Freddy einen Autor auf der Steuerflucht (mit Nasenbluten), Eva Verena Müller macht sich als Belinda auch an den dicken Regisseur ran, und Uwe Schmieder bewegt Schnapsbruder Selsdon als Einbrecher ohne Timing – Lonesome Cowboy.

Im 2. Akt (21. Vorstellung) sind private Rivalitäten, Liebschaften und Geltungsdrang hinter der Bühne sichtbarer als das Stück selbst. Aber auch das Klischee, alle Darstellerinnen wollen mit dem Regisseur anbändeln, muss ins Bild gesetzt werden, sonst mischen sich Verwunderung und Häme bis zur Befremdung. Ein Slapstick-Rausch.

Tempo macht das Regieduo in Dortmund, so dass es selbst komische Talente unter den Schauspielern schwer hätten. Im 3. Akt (123. Vorstellung) ist die Bühne (Pia Maria Mackert) abgewirtschaftet. Der Trash wird mit Ekel-Sardinen, Nasenblut-Horror, Vollrauschfiguren und Notgeilen besiegelt. Selbst die Väter der Klamotte haben nun ausgedient. Hölle!

Bühnenmeister Tim (Sebastian Graf) zieht vorm Vorhang Parallelen zum Schauspielhaus Dortmund bis alle um den letzten Vorhang betteln. Es ist gut, wenn man über sich lachen kann, aber mehr Spielniveau hätte allen gefallen, auch den Applaudierenden.

9., 19., 25., 27. April, 8., 23. Mai, 1., 29. Juni; Tel. 0231/5027 222; www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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