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Der Magnum-Fotograf Alex Webb in der Städtischen Galerie Iserlohn

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Von: Ralf Stiftel

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Alex Webb fotografierte „Haiti. Bombardopolis“ 1986. Ausstellung in der Städtischen Galerie Iserlohn
Eine Bilderzählung mit blauem Kleid aus einer Kleinstadt auf Haiti: Alex Webb fotografierte „Haiti. Bombardopolis“ 1986. Das Bild ist in der Werkschau in der Städtischen Galerie Iserlohn zu sehen. © Alex Webb © Alex Webb / Magnum Photos

Iserlohn – Eigentlich hat Alex Webb auf seinem Foto aus Bombardopolis alles falsch gemacht. Der Raucher am Bildrand ist unscharf und angeschnitten. Die Frau im blauen Kleid läuft aus dem Bild und ist nicht im Fokus. Man braucht eine Weile, um dieses Bild zu entschlüsseln. Aber genau diese Merkmale geben dem Bild auch seine Form, seine Qualität.

Webb saugt den Betrachter geradezu ins Bild durch die Nähe. Von der Augenpartie des Mannes rechts ist gerade so viel zu erkennen, dass man sich angeschaut fühlt, eingeschätzt, kühl bewertet. Es gibt ein raffiniertes Spiel der Fluchtlinien, eine diagonal den Straßenrand entlang, eine vertikal über den Eselsrücken und die Bambusstütze. Das blaue Kleid leuchtet wie ein Farbsignal aus den trockenheißen Graubrauntönen der verwitterten Häuser, der unbefestigten Straße. Der Blick folgt der Bewegungsrichtung des Tiers, in die Tiefe, zu mehr Menschen, und findet vielleicht den Jungen, der aus der Deckung heraus zurückschaut. Man ist mittendrin in der Situation und wird doch durch die Haltung der Abgebildeten zurückgewiesen.

Das Foto hängt in der Städtischen Galerie Iserlohn, in der Ausstellung „Alex Webb – The Suffering of Light“. Der 1952 in San Francisco geborene Fotograf ist seit 1979 Vollmitglied der Agentur Magnum. Webb versteht sich dezidiert als Flaneur, der seine Motive auf der Straße findet. Alles komme von der Straße, schreibt er. Damit passt die Präsentation, die erste Werkübersicht des Künstlers überhaupt, perfekt zum Themenjahr der Straßenfotografie in Iserlohn. In 63 großformatigen Abzügen ist in der Galerie das Genre in Vollendung zu erleben.

Zufällig freilich ist bei Webb nichts. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf Goethes Farbenlehre. Webb erlebte um 1975 eine Schaffenskrise, wandte sich von der bis dahin verfolgten Schwarz-Weiß-Fotografie ab. Seine Fotos entstehen auf ausgedehnten Recherchetouren. Neun Reisen unternahm er nach Haiti zwischen 1986 und 1988. Er begleitete eine Umbruchszeit, der Diktator „Baby Doc“ Duvalier war vertrieben, es gab eine kurze Zeit der Hoffnung bis zum Militärputsch von 1987. Webb zeigt die prekäre Situation eines ausgebeuteten, abgewirtschafteten Staates mit Motiven abseits der üblichen Elendsfotografie. Er fotografiert die „École nationale“ in Port-au-Prince. Die Schule liegt hinter einer knallblauen, bemalten Mauer. Unverputzte Durchbrüche sind die Eingänge, es gibt kein Dach, die Fassade teilt den Stadtraum. Wir sehen eine Ruine, davor ernste Männer und lachende Kinder.

Webb ist auch mehr als bloßer Chronist. Seine Bilder erweisen sich als großartige Kompositionen, entwickelt in kurzer Zeit, durch einen synthetisierenden Blick. Er erfasst eine Szene und fängt sie ein. Das Mädchen, das auf das ausgebrannte Autowrack blickt am Wahltag 1987. Die Straßensperren in Flammen und davor unscharf ein Mann, der in den Händen etwas Undefinierbares trägt. Benzinkanister? Löscheimer?

Webb war viel unterwegs in den südlichen Nachbarländer der USA, auch an der Grenze. Schon 1979 nahm er auf, wie Flüchtlinge an der Grenze Kaliforniens aufgegriffen werden. Es wirkt unwirklich schön. Die Männer stehen mit erhobenen Armen, werden von Sheriffs abgetastet, alles in einer endlosen Wiese voller leuchtendgelber Blüten unter einem Himmel mit rotglimmenden Wolken.

Dass Webb sich auf Goethe bezieht, ist nicht willkürlich. Man sehe nur, wie der Blick in eine Bar dem Fotografen zum leuchtenden Farbakkord gerät, einem intensiven Dreiklang aus Rot-Gelb-Grün, aus dem ein Raucher unmittelbar in die Kamera blickt („Gouyave, Grenada“, 1979). Oder wie er über grellrote Oldtimer mit einer aufgeklappten Motorhaube hinweg fotografiert auf das Wandbild einer Pyramide („Atlanta“, 1996), ein Spiel der parallelen Linien und der Farbwucht. Oder wie er die Popcorn-Bude am Strand im Schein der Abendsonne festhält, einerseits eine schon Mondriansche Kombination aus den Grundfarben, zugleich ein Spannungsfeld zwischen drei Passanten.

Webb arbeitet synthetisch, manche Aufnahmen wirken wie Collagen. An einem Verkaufsstand für Poster in Tijuana fotografiert er die frommen Kitschbilder in Nahsicht: Ein Christus als Schmerzensmann richtet seinen verzweifelten Blick auf einen grinsenden Santa Claus auf dem Schlitten. Und neben dem Bildständer blitzen die langen Beine einer wartenden Frau auf. Alles wird gerahmt von Schlagschatten, ein Kompendium von Inbrunst, Kommerz und Sünde.

Virtuos erkennt Webb die Chance von optischen Reflexen, die er ebenfalls für Montagen nutzt. Da geht ein Mann auf zwei Militärs mit Maschinenpistolen zu. Man sieht von ihm nur den Rumpf, unter den Arm hat er einen Spiegel geklemmt, in dem eine Brache und ein Haus ohne Fenster und Türen erkennbar werden. Komplett sinnverwirrend ist eine Aufnahme aus Istanbul. Man sieht Passanten auf dem Weg zu Geschäften, im Vordergrund aber schattenhaft einen Mann und Waschbecken. Webb fotografierte in den Spiegel eines Friseursalons, und der Effekt ist eine surreale Auflösung der räumlichen Verhältnisse. Solche Aufnahmen wirken wie Doppelbelichtungen, nur dass keine Laborarbeit für sie nötig war.

In viele Bilder kann man sich versenken und Entdeckungen machen. Wie beim Schnappschuss aus München von dem Radler auf einer Brücke, der nur als fragmentierter Torso zu sehen ist. Bis man durch das kleine Fenster in der Brückenmauer den Surfer entdeckt, der im Wildwasser unter der Brücke seinen Sport treibt und von Webb im exakten Moment erwischt wurde. Zwei Welten, mit dem Spiel des Lichts in ein Bild zusammengeführt.

Bis 6.2.2023,

mi – fr 15 – 19, sa 11 – 15,

so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02371 / 217 1940, www.galerie-iserlohn.de

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