„Der Live-Code“: Abend zu McLuhan von Daniel Hengst

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Eva Verena Müller auf einer Leinwand im „Live-Code“ in Dortmund. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Irgendwann, nach gut 70 Minuten, hat der Abend sich in einer Endlosschleife aufgehängt. Da flimmern zum elektronischen Beat Bildfetzen über die Projektionsleinwände, immer wieder unterbrochen von Satzfetzen aus der Szene mit Eva Verena Müller. Kein Vorhang. Kein Verbeugen. Das Medium war die Botschaft im Studio des Theaters Dortmund.

Der Videokünstler Daniel Hengst prägt seit „Visitor Q“ (2010) viele Inszenierungen des Schauspiels Dortmund. Nun präsentiert er einen eigenen Abend, eine experimentelle Auseinandersetzung mit Marshall McLuhans Buch „Krieg und Frieden im globalen Dorf“. Theater im herkömmlichen Sinn ist „Der Live-Code“ nicht. Der Besucher kommt in einen abgedunkelten Raum mit einem Schaltpult voller Rechner und Großleinwänden. Er sieht dort Zeilen einer Programmiersprache, die in Animationen, Grafiken, Töne umgesetzt werden. Der Programmierer Rolf Meinecke und der Musiker Martin Juhls stehen mit Hengst an den Geräten. So entsteht aus geometrischen Grundformen „live“ ein grauer Fisch, der spricht, McLuhans „Botschaft an den Fisch“. Die Stimme freilich stammt von der Schauspielerin Eva Verena Müller, die meistens kaum zu erkennen ist. Sie wurde im Kontaktanzug gefilmt, dessen Kontaktknoten der Rechner abtastet, um noch völlig formlosen Digital-Gebilden menschliche Bewegungen zu verleihen. Manchmal erscheint Müller auch als Schatten aus hellen Pixel-Punkten im Bildschirm-Schwarz.

McLuhans Theorien erschließen sich in dieser Präsentationsform freilich nicht. Zu fragmentarisch ist das alles, zu sehr der fragmentierten Wahrnehmungsweise von Nerds angepasst. Es ist wie ein DJ-Remix aus Technogrooves, Wikipedia und Schulfunk. Gerade redet McLuhan mit Müllers Stimme über Papyrus und die Römer, da startet im Bild eine Rakete. Der Raum bleibt ein technischer Ort, er erreicht nie die Gefühle der Besucher.

Am Ende hält Müller einen Monolog über die Evolution, die digitale und die analoge, die sich treffen und die Menschheit auf eine neue Stufe der Existenz heben. Dazu mampft sie deftige Kost, nippt an der Bierflasche und wirkt ganz geerdet. Ihr Gesicht verwandelt sich in das eines Affen, und schwupps, sind wir in einem Computerspiel, Jump-and-Run mit einem Gorilla, der aus einem übergroßen Finger feuert und Gegner umhaut. Der „Live-Code“ haut nicht um, er bleibt bloß irgendwie interessant.

28.2., 3., 23.3., 20.4.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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