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Der Kunstverein Villa Wessel in Iserlohn zeigt eine Ausstellung seiner Preisträgerin Berlinde de Bruyckere

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Von: Ralf Stiftel

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Berlinde de Bruyckeres Skulptur „Honte“ (2019) in der Villa Wessel Iserlohn
Ein Opfertier auf dem Altar: Berlinde de Bruyckeres Skulptur „Honte“ (2019) ist in Iserlohn zu sehen. © Foto: Ralf Stiftel

Iserlohn – Das Fohlen liegt auf einem Podest wie auf einem Altar. Schlaff hängen die Läufe in der Luft, ohne jede Körperspannung. Der Kopf ruht unter den Vorderbeinen in einer Schutzgeste, die an ein schlafendes Kind erinnert. Die ganze Verletzlichkeit des Körpers wird hier offenbar, unterstrichen noch durch den schäbigen, löchrigen Stoff, auf den das Tier gebettet wurde. Das ganze Arrangement spricht von Vergänglichkeit und Schmerz.

„Honte“ hat Berlinde de Bruyckere ihre Skulptur von 2019 genannt, Scham. Wer schämt sich denn hier? Gewiss nicht das unschuldige, früh gestorbene Wesen, dessen Leichnam wir hier gegenüberstehen. Gemeint ist wohl eine existenzielle Scham, die Beschämung durch fremdes Leid, das durch das Kunstwerk schmerzlich spürbar wird.

Zu sehen ist die Skulptur in der Villa Wessel in Iserlohn. Der Kunstverein hat der 1964 in Gent geborenen und dort lebenden Bildhauerin den Iserlohner Kunstpreis (20 000 Euro) verliehen. Verbunden mit der Auszeichnung ist eine kleine, aber exquisite Ausstellung mit vier plastischen Arbeiten sowie einem guten Dutzend feiner, sensibler Zeichnungen und Aquarelle.

Mit „Honte“ bezieht de Bruyckere sich auf ein klassisches Bildmotiv der Kunstgeschichte, das Lamm Gottes. Der spanische Barockmaler Francisco Zurbarán hat es mehrmals gemalt: ein bis auf einen feinen Heiligenschein naturalisistisches Opfertier mit gefesselten Läufen. Die Künstlerin übersetzt die Darstellung. Das Fohlen trägt zwar ein echtes Pferdefell, aber der Körper wurde, wie sie selbst erläutert, verfremdet, zum Beispiel wurden die Proportionen des Rückens denen eines Menschen angeglichen. Auch die Beine entsprechen nicht den realen Gliedmaßen. Das Tier wird zum Medium, um eine artübergreifende Empathie zu erzeugen. Es ist kaum möglich, vor dieser Arbeit zu stehen, ohne etwas zu fühlen.

Die Grausamkeit der Welt darzustellen, darin sieht Berlinde de Bruyckere die Aufgabe des Künstlers. Dem Pferd begegnete sie im Flanders Fields Museum in Ypern, für das sie eine Auftragsarbeit fertigen sollte. Dort sah sie Fotografien aus dem Ersten Weltkrieg von der Flandernfront, von Pferden, die erschossen oder von Explosionen durch die Luft geschleudert wurden. Das Leid dieser Tiere griff sie in vielen Arbeiten auf. In Iserlohn sieht man einige Zeichnungen aus der Serie „Een“, verkrüppelte Pferdeleiber, die in Bäumen hängen.

Aber sie widmet sich auch dem menschlichen Körper. Eine Skulptur zeigt einen weiblichen Körper auf einem hohen Hocker knien, vornüber geneigt, so dass eine lange Mähne bis zum Boden fällt. Der Körper von „C. Reybrouck“ (2002, benannt nach der Tänzerin, die ihr Modell saß) ist zum Torso deformiert, die Beine laufen in dünne, fußlose Stummel aus, die Arme fehlen ebenso wie der Kopf, was wegen der Haarfülle erst beim zweiten Blick auffällt. Auch hier nimmt man Verletzung wahr, eine Störung des Körpers. Das dargestellte Wesen liefert sich aus, nicht nur dem Blick des Betrachters. Aber die überaus realistische Nachbildung von Fleisch und Haut in Wachs spricht nicht nur von Leid. Berlinde de Bruyckere gibt ihrem Werk eine Schönheit mit, einen Reiz. Und bildet das herabgelassene Haar (für das sie Pferdeschweife nahm) nicht auch das Märchenmotiv von Rapunzel nach, die ihrem Geliebten den Zopf zuwirft, damit er zu ihr in den Turm klettern kann? Diese Skulpturen gehen nicht in einfachen Erklärungen auf.

Ähnlich ambivalent gestimmt ist die Bodenarbeit „Pillow“ (2010), die einen armlosen Torso zeigt, der sich in ein Kissen schmiegt. Wir erleben hier etwas, das mütterliche Umarmung ebenso sein kann wie ein sexueller Akt. Oder auch eine Geste brutaler Erstickung. Von allem schwingt etwas mit.

Bis 6.11., di fr 15 – 19, sa 12 – 16, so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02371/ 14 238

www.villa-wessel.de

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