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Der Kunstpalast Düsseldorf zeigt „Christo und Jeanne-Claude – Paris New York Grenzenlos“

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Von: Ralf Stiftel

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Christo: Zeichnung „The Gates“ 2004, zu sehen in Düsseldorf.
Die gezeichnete Vision eines surrealen Projekts. Christo zeichnete das Blatt für die Aktion „The Gates“ im New Yorker Central Park 2004, zu sehen in Düsseldorf. © Foto: Hanna Neander, © Christo and Jeanne-Claude Foundation/ VG Bild-Kunst, Bonn, 2022

Düsseldorf – Der Wind spielt in safrangelb leuchtenden Stoffbahnen. Das hat Christo ebenso eingefangen wie das winterliche Gegenlicht, das seine Schatten in den New Yorker Central Park wirft. Bis in kleinste Nuancen nimmt seine große Zeichnung vorweg, was er ein Jahr später verwirklichen wird. Da errichtete er die 7503 Tore tatsächlich, und in den 16 Tagen der Installation kamen vier Millionen Besucher.

Für Großprojekte war das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude berühmt. Sie nahmen dafür keine Zuschüsse, keine Förderung an. Sie finanzierten ihre Projekte mit Kunst, mit den Skizzen und Zeichnungen, in denen Christo detailliert seine Visionen festhielt. Die Zeichnung des Projekts „The Gates“ von 2004 gehörte dazu. Zu sehen ist sie im Kunstpalast in Düsseldorf in der Ausstellung „Christo und Jeanne-Claude – Paris New York Grenzenlos“.

Im Kern besteht sie aus der Privatsammlung des in Recklinghausen lebenden Ehepaars Ingrid und Thomas Jochheim. Die hatten das Künstlerpaar 1995 bei dem Projekt kennengelernt, das in Deutschland weit über den Kreis der Kunstinteressierten hinaus Christo populär machte: der Verhüllung des Reichstags. Kurz darauf besuchten Jochheims Christo und Jeanne-Claude in New York, man freundete sich an. Seit damals verfolgten die Sammler alle Projekte, und sie kauften auch immer wieder Werke, bis sie über eine der umfangreichsten Privatkollektionen zum Werk des Verpackungskünstlers verfügten. Diese Sammlung hatte es Felix Krämer, dem Direktor des Kunstpalasts angetan, und so entstand ein umfassender Querschnitt durch das Schaffen des Künstlers von seinen Anfängen im Paris der frühen 1960er Jahre bis zum letzten, (noch) nicht realisierten Projekt einer Monumentalskulptur in der Wüste von Abu Dhabi. Diese Ausstellung ist die letzte, der Christo kurz vor seinem Tod im Mai 2020 noch zugestimmt hatte.

Wie aber stellt man ein Werk aus, das so auf Vergänglichkeit setzt, wie es bei Christo der Fall ist? Es gibt im Kunsthandel keine Stücke des silbernen Stoffs, der den Reichstag umhüllte. Alles wurde recycelt. Die spektakulären Eingriffe in den öffentlichen Raum sind durch ihre zeitliche Begrenztheit definiert. Eigentlich dürfte diese Kunst gar keine Spuren im Handel hinterlassen haben. Und doch gibt es diese Ausstellung, die ihre Besucher mit dem Gegenteil konfrontiert, mit all dem Material, das sich um die Verhüllungen des Arc de Triomphe in Paris, mit Berlin und New York sedimentierte.

Das Haus nutzt seine mehr als zwölf Meter hohen Säle, um wenigstens eine Ahnung davon zu vermitteln, wie das Ereignis einmal wirkte. So steht man vor dem monumentalen Blow-Up eines Fotos, das Wolfgang Volz, Christos langjähriger Partner, vom Reichstag aufnahm. Wer da war, kann im Menschengewimmel suchen, ob er sich findet. Es gibt viel dokumentarisches Material, Zeitungsausschnitte wie die Seite der „Berliner Morgenpost“ mit der Schlagzeile: „Danke, Christo! Danke, Jeanne-Claude!“ In Videoschleife ist die Bundestagsdebatte über die Verhüllung zu verfolgen, mit in der Rückschau absurden Gegenargumenten: „So etwas tut man nicht!“ In einer Vitrine liegt eine Probe des silberglänzenden Gewebes. Aber es gibt eben nicht nur diese Fülle an Sekundärmaterial. Es gibt auch Originale, vorbereitende und nachgearbeitete.

Vielleicht muss man Christo als großen Zeichner betrachten, der sich mit seinen Kunstaktionen die exklusiven Motive schuf? In dem Blatt zu den „Gates“ herrscht ja eine wunderbare Leichtigkeit, eine Klarheit wie bei japanischen Farbholzschnitten. Der beigefügte Lageplan, die klein dazugesetzten Erläuterungen und Maßangaben nehmen der Darstellung nichts von ihrer ästhetischen Wirkung. Die Ausstellung lenkt den Blick auf die umfangreichen Konvolute von Skizzen. Christo zeichnete ja nicht nur, viele seiner Entwürfe sind Bildobjekte. Eine Lithografie zum nicht verwirklichten Projekt der verhüllten Bäume an den Champs-Élysées erweiterte er mit aufgesetztem transparenten Polyethylen, Garn und Büroklammern zu einer Collage, um die Raumwirkung besonders plastisch zu imaginieren. So ergibt sich eben eine Spannung zwischen den surrealen Fantasien, die Christo und Jeanne-Claude auslebten, und ihrer möglichst klaren, eindeutigen Darstellung.

Eins dieser Superlativ-Projekte ist auch nach dem Tod des Paares nicht erledigt. Sie wollten in der Wüste von Abu Dhabi eine Mastaba errichten, eine Architekturform aus Ölfässern, höher als die Cheops-Pyramide. Und ausnahmsweise ist das Vorhaben auf Dauer angelegt. Die Christo and Jeanne-Claude Foundation arbeitet an der Verwirklichung. Ein ganzer Raum der Schau mit Skizzen und einem Modell ist dem Thema gewidmet.

Die Sammlung Jochheim greift bis in das Frühwerk Christo zurück. So gibt es in Düsseldorf auch ein Porträt zu sehen, das Christo 1960 nach seiner Ausreise aus Bulgarien in Paris malte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Man kann sehen, wie er sich an die Techniken des Nouveau Réalisme herantastet, von abstrakt-gestischen Bildern über ein suggestiv gemaltes Relief („Cratère“, 1960), die korrespondieren mit den schroffen Mal-Landschaften von Jean Dubuffet, Antoni Tapies, Alberto Burri. Die zu massiven Blöcken gepressten Schrottskulpturen von César, ein Holzkasten mit Kannen von Arman, sogar ein Päckchen von Piero Manzoni („Achrome“, 1961) zeigen, in welchem Klima Christo seine Ideen voranbrachte. Zunächst verpackte der Künstler Gegenstände aus dem gemeinsamen Haushalt, was eben verfügbar war. Die frühen Objekte sind klein und nicht unbedingt auf den ersten Blick reizvoll, die Plastikfolie des „Wrapped Magazine“ (1963) ist milchig-schmuddelig.

Manche Räume wecken den rebellischen Geist der frühen Jahre: Der verpackte Volkswagen Käfer steht vor einem Schwarz-Weiß-Foto von Christos erster Intervention in den Stadtraum, den „Eisernen Vorhang“, die er 1962 in einer Pariser Gasse mit Ölfässern errichtete. Die Aktion war nicht genehmigt, Jeanne-Claude beschwatzte die Polizisten, nicht einzugreifen. Der 1963 verhüllte Käfer ist nicht mehr das Original: Der Besitzer wollte sein Fahrzeug benutzen und fuhr weg. In Düsseldorf ist eine Rekonstruktion zu sehen, immerhin mit einem Modell des selben Baujahrs.

Bis 22.1.2023, di – so 11 – 18, do bis 21 Uhr,

Tel. 0211/ 566 42 100, www.kunstpalast.de,

Katalog, Verlag Kettler, Dortmund, 38 Euro

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