„Der Kirschgarten“ Tschechows von Thorsten Lensing und Jan Hein im Pumpenhaus Münster inszeniert

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Im Mittelpunkt: Die exzentrische Gutsbesitzerin (Ursina Lardi), ihr Bruder (Peter Kurth, rechts) und Lopachin (Devid Striesow) in der „Kirschgarten“-Inszenierung. ▪

Von Achim Lettmann ▪ MÜNSTER–Grazil, stolz, und kühl schreitet Ljuba ins Haus ihrer Kindheit: „Ich bin zuhause!“ Die Gutsbesitzerin trägt einen orangeroten Einteiler, der ganz knapp auf ihre Oberschenkel stößt. Französischer Chic bedeutet das in Anton Tschechows „Kirschgarten“. Die Regisseure Thorsten Lensing und Jan Hein fokussieren auf die langen Beine von Ursina Lardi, die die Femme fatale abgibt, eine Frauenfigur, die Männerfantasien beschleunigt.

Olala, dieser Auftritt sorgt seit jeher für Spannung, wenn Tschechows letztes Stück „Der Kirschgarten“ gespielt wird. Im Pumpenhaus Münster hatte ein Projekt der Off-Theater-Szene Premiere, das nach „Onkel Wanja“ (2008) wieder erstklassige Schauspieler (wie David Striesow, Joachim Król, Peter Kurth...) vereint. Die Produktion vom Theater T1 wird von sechs freien Bühnen getragen. Auf das Schöne der Kulturlandschaft wird verzichtet. Nicht ein Baum, nicht eine Kirschblüte ist im Pumpenhaus zu sehen. Dafür macht das Regieduo Lensing/Hein einen Begriff aus Tschechows feinsinnigem Diskurs greifbar: Arbeit. Die Schauspieler packen an, schieben Bühnenbretter aneinander und schichten Hohlziegel zu einer Mauer auf. Arbeit, das Stockmaß sozialistischer Gesellschaftsanalyse, wird in Münster zum Prolog des Menschseins. Denn das Figurentableau spreizt sich danach in egozentrischen Studien. Wer ist wer? Oder, wie weit kann ich gehen, ohne zu arbeiten?

Lensing/Hein nehmen Tschechow beim Wort, der wusste, dass die sprichwörtliche Melancholie zur atmosphärischen Beschreibung Russlands auch Komik vertragen kann. So fiebert Lopachin, Geschäftsmann und späterer Käufer des Kirschgartens, auf die Ankunft der Ljuba hin, wie ein kleiner Junge. Devid Striesow bietet eine Typenshow, so intensiv führt er den Neureichen, den Emporkömmling, den jungen Mann vor, der diese Ljuba verehrt, vielleicht liebt, aber nie bekommen wird. Der Sohn eines Leibeigenen spürt die Herabsetzung noch immer. Da hilft auch kein Geld. Striesow plustert sich auf, spricht geharnischt, tempo- und risikoreich – amüsiert, ohne uns die Figur nahe zu bringen.

Lensing/Hein setzen auf die Rollenextrema. Dabei geht das Bild des zaristischen Russlands verloren, das Erzählerische Tschechows. Hier wird die Mauer umgeworfen und jeder behauptet sich zwischen den Ziegelresten. Warja (Anna Grisebach) reißt sich die Klamotten vom Leib, weil Ljuba einem Landstreicher Gold gibt, trotz eigener Misere. Gegen Verschwendung kann die umsichtige Frau nicht an. Am Rande gelingt Joachim Król ein komischer Kontorist, der stolpert, stürzt und von Liebe stammelt. Seine angebetete Dunjascha wird von Maria Hofstätter als geile Dienstmagd in Stellung gebracht, die sich dem Schnösel Jascha (Philipp Richardt) anbietet. Die Moral ist dahin. Selbst Ljuba lässt sich vom Landstreicher wegtragen, den Willi Kellers als einsilbigen Bettler mit Plastiktüte zeigt. Peter Kurth bläst Lonja, Ljubas Bruder, zum selbstgefälligen Tagedieb auf, der seinen Kopf rot anschwellen lässt wie eine Billardkugel. Es ist auch viel Darstellerroutine, die in Münster sichtbar wird.

Lars Rudolph (Petja) und Aenne Schwarz (Anja) sind die jungen Leute, die etwas versponnen, aber noch mit Visionen für ein bisschen Zukunft stehen. Hoffnung hat der alte Firs nicht, den Valentin Jeker am Ende ablegt, während Lensing/Hein ihr Konzept im letzten Akt überdehnen. Das Regieduo hat sich zu sehr auf gute Schauspieler verlassen.

Quelle: wa.de

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