„Der Göttliche“: Hommage an Michelangelo in der Bundeskunsthalle

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Auch der Barockmeister Caravaggio ließ sich inspirieren: Für seinen sinnlichen Täufer Johannes (1602) lieferten Figuren aus der Sixtinischen Kapelle die Anregung – zu sehen in Bonn.

Von Ralf Stiftel BONN - Sie haben alle von ihm gelernt, stellte schon Papst Leo X. fest. Bis in die jüngste Moderne hat Michelangelo Buonarroti (1475-1564) Künstlern das Vokabular für Gemälde und Skulpturen an die Hand gegeben. Der Renaissance-Meister war großzügig. Wenn ein Freund wie Sebastiano del Piombo ihn „um etwas Licht“ bat, verschenkte er Skizzen und Entwürfe. Noch der grobschlächtige „Apoll“, den Markus Lüpertz 1989 in Bronze schuf, reflektiert die Haltung einer Statue Michelangelos (um 1530), nur spiegelverkehrt.

In der Bundeskunsthalle in Bonn kann man das sehen. Da steht das Werk Buonarrotis, freilich als Gipsabguss, neben der Fassung des Düsseldorfer Malerfürsten. Ein ganzer Raum ist erfüllt von Akt-Skulpturen. Zwei monumentale, unvollendete Sklaven, die Michelangelo 1513 bis 1516 schuf, entfalteten erst ihre Strahlkraft, als sie im revolutionären Frankreich ins Museum kamen, in den Louvre. Dann aber schulten sie ihr Auge am Vorbild, nahmen die Statik von Stand- und Spielbein, die durch anatomische Studien erforschte genaue Wiedergabe der Muskulatur, die auffälligen Gesten, in denen Gefühle erzählt werden, wie den über den Kopf gebogenen Arm. Hier fand Auguste Rodin die Details, mit denen er seinen Männerakt „Das goldene Zeitalter“ (1875/76) so naturgetreu formen konnte, dass seine Zeitgenossen das für die Abformung eines lebenden Menschen hielten. Cézanne malte einen Badenden in der Haltung. Und noch in Fritz Wotrubas abstrahiertem „Stehenden Torso“ (1953/54) findet man das Vorbild.

Das ist ein überzeugender Auftakt für die Ausstellung „Der Göttliche. Hommage an Michelangelo“, die ganz ohne ihren Hauptdarsteller auskommen muss. Es gibt in der Ausstellung bedeutende Kunstwerke, jede Menge sogar. Aber unter den mehr als 200 Exponaten ist kein Original von Michelangelo. Was zum einen daran liegt, dass man zum Beispiel die Fresken in der Sixtinischen Kapelle nicht transportieren kann. Und wo es theoretisch doch ginge, da ist das Kunstwerk so mit seinem Standort verbunden, dass man es nicht ausleihen könnte. Vielleicht hätte man ja die eine oder andere Skizze zeigen können.

Aber die Lücke füllen Reproduktionen. Was auch wieder passt. Denn vor allem dem Medium der Druckgrafik verdankte Michelangelo seinen das Abendland durchstrahlenden Ruhm. Selbst wer nicht in Rom war, konnte einen Eindruck gewinnen von seinen Bildideen. Die Bonner Schau blättert diesen Vorgang in Themenkapiteln um Hauptwerke Michelangelos auf. Zum Beispiel am David in Florenz. Schon Raffael zeichnete zwischen 1505 und 1508 die Skulptur. In allen Medien wurde kräftig kopiert, kleine Bronzestatuetten sollten im 19. Jahrhundert das kanonisierte Bildnis in bürgerliche Salons bringen, da wurde das ästhetische Ideal kommerziell nutzbar. Das Atelier Anderson nahm Ende des 19. Jahrhunderts Kopf und Schulter Davids auf. Die Fotografin Candida Höfer wiederum inszeniert die Monumentalskulptur in der Architektur der Uffizien, sie zeigt die Situation, in der das Meisterwerk inzwischen gleichsam verwachsen ist, die Nische, die Bögen, die Säulen, die Oberlichtkuppel. Und Thomas Struth wandte in seiner Fotoserie dem David den Rücken zu, lichtete das Publikum ab, das ihn bewunderte – oder erschöpft woanders hinschaut. Und in der hochgesteckten Brille einer asiatischen Touristin spiegelt sich das Meisterwerk dann doch. So wird die Strahlkraft eines Kunstwerks noch in indirekten Reflexen spürbar.

Ebenso vermittelt die Schau die Nachwirkung von Michelangelos Malerei, seine Fresken im Vatikan wie die Deckengemälde mit der berühmten Erschaffung Adams und das „Jüngste Gericht“. Viele Nachfolger maßen sich an den Schöpfungen. Rubens zum Beispiel kopierte Einzelfiguren, auch um sich einen Vorrat an Gesten und Gesichtsausdrücken anzulegen. In vielen Bildern wie dem „Herkules“, der in Bonn ausgestellt ist, setzte er die Inspiration um. Auch Caravaggios großartiger „Johannes der Täufer“ (um 1602) zeigt in der so unbiblisch erotisierten Darstellung des nackten jungen Mannes die Schulung an Michelangelos sinnlicher Körperlichkeit.

Doch die Männerakte des US-Fotografen Robert Mapplethorpe lassen sich auf die Aktfiguren der „Ignudi“ an der Sixtinischen Decke zurückführen.

Und ob es nun der berühmte gehörnte Moses ist oder die Akte der Tageszeiten aus dem Medici-Grabmal, die Bonner Schau inszeniert die Kopien, Repliken, Nachahmungen als lehrreiche Schauräume, die das mächtige Echo von Michelangelos Erfindungen einfangen. Und man hat es oft mit Meistern ersten Ranges zu tun, von Annibale Carracci über Rubens und Cézanne bis Henry Moore.

Michelangelo gehörte auch zu den ersten Künstlern, die Starruhm erlangten. Er wurde oft porträtiert, und das markante Profil mit der Nase, die ihm ein Neider in einer Schlägerei gebrochen haben soll, gewann Wiedererkennungswert. So begrüßen den Besucher zwei Bildnisse, eins von Michelangelos Freund Daniele de Volterra und ein Charakterkopf von Rodin. Ein ganzer Raum zeigt immer wieder den Mann, in alten Bildnissen und im altmeisterlich nachempfundenen Porträt Michael Triegels von 2009. Ja, der Meister wurde zum Helden in Historienbildern, beim Besuch von Papst Paul III. (Peter Rittig, 1834) und am Sterbebett der mit ihm befreundeten Poetin Vittoria Colonna (Francesco Jacovacci, 1880). Mehr Verklärung geht nicht.

Der Göttliche. Hommage an Michelangelo in der Bundeskusnthalle Bonn. Bis 25.5., di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr,

Tel. 0228/ 9171 200,

www.bundeskunsthalle.de,

Katalog 29 Euro, im Buchhandel Hirmer Verlag, München, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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