Ein maßloser Machtmissbrauch

„Der gefesselte Prometheus“: Anna Stiepani inszeniert bildstark Aischylos in Bochum

Szene aus „Der gefesselte Prometheus“ in Bochum mit Jele Brückner, Lukas von der Lühe und, projiziert, Konstantin Bühler.
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Ins Videobild gezwungen: Szene aus „Der gefesselte Prometheus“ in Bochum mit Jele Brückner, Lukas von der Lühe und, projiziert, Konstantin Bühler. Foto: Birgit Hupfeld

Eine runde Scheibe öffnet den Blick auf den Götterschmied Hephaistos, dem Prometheus das Feuer raubt, um es den Menschen zu bringen. In den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum ist das eine fiebrige Choreografie zu Musik von Vivaldi, ein zaubrisches Helldunkel, in dem am Ende eine Flamme über Spiegelwände irrlichtert.

Regisseurin Anna Stiepani zeigt die Vorgeschichte zur antiken Tragödie „Der gefesselte Prometheus“, jene Tat, für die der göttliche Titelheld so grausam verurteilt wird. Zugleich demonstriert sie mit dem vollen Einsatz theatralischer Mittel, warum ein Livestream kein Ersatz für das Bühnenerlebnis sein kann. Ausstatterin Thurid Peine schuf eine gläserne Kuppel, die je nach Beleuchtungseinfall zum durch Spiegelung ins Unendliche weisenden Raum wird, aber auch den Blick freigibt auf die Hinterbühne, wo einzelne Sprecher sich an Prometheus wenden. Das sieht groß aus, es überwältigt die Sinne, aber es braucht eben auch die unmittelbare Präsenz.

Aischylos schrieb ein ausgesprochen handlungsarmes Stück, schon wegen der Grundkonstellation: Da ist der bestrafte titanische Menschenfreund an den Felsen geschmiedet und empfängt Besucher, mit denen er redet. Die Bochumer Inszenierung löst das Problem mit dem Einsatz einer Videokamera. Konstantin Bühler liegt die meiste Zeit starr auf der Bühne, mit ausgetreckten Armen. Die Kamera fängt sein Gesicht ein, als Projektion auf der runden Scheibe, manchmal durch Spiegelung noch vervielfacht, hat der Betrachter es unmittelbar vor Augen. So entstehen mit den weiteren Darstellern direkte Dialogsituationen, ohne dass das Bedrängende der Strafsituation abgemildert würde. Man sieht den in einer qualvollen Haltung liegenden Schauspieler und nimmt ihn doch auch als Handelnden wahr. Bühler löst das großartig, man merkt ihm die extrem anstrengende Position nicht an, wenn er seinen Widerstandsgeist in die Kamera spricht. Er zeigt sich als Opfer, als Gedemütigter, der sich als moralischer Sieger sieht, und er spielt die Anfechtungen, den Zweifel, aber auch die Stärke überzeugend aus. In späteren Szenen darf er auch aufstehen. Dann trägt sein Spiel zum Beispiel mit der Menschenfrau Io, einem weiteren Opfer des Zeus, beschützende Züge wie bei einem Propheten.

Aus dem auf 500 vor Christus datierten Text entwickelt Stiepani eine beeindruckende Auseinandersetzung mit dem Missbrauch politischer Macht. Der nicht anwesende, aber das Geschehen bestimmende Zeus kam nur durch die Hilfe des Prometheus an die Macht. Seine Herrschaft erscheint willkürlich und maßlos. Die Inszenierung verzichtet auf alle aktualisierenden Kunstgriffe, bleibt ganz im hohen Ton, in der strengen Sprache des antiken Dramas. Und doch denkt man beim Anblick des gefilmten Schauspielers Bühler zum Beispiel an die entwürdigenden Videoaufnahmen des belarussischen Oppositionellen Protassewitsch. Und auch die Besucher des Prometheus unterstreichen, wie grausam die Fesselung des Titanen ist, der den Menschen mit dem Feuer die Hoffnung und die Zivilisation brachte.

Zwar steht Bühlers Prometheus im Zentrum, aber dieser Abend überzeugt auch als starke Ensembleleistung. Lukas von der Lühe drückt überzeugend das Widerstreben des Hephaistos aus, der nur unter Druck das Urteil vollstreckt und Prometheus ankettet. Dominik Dos-Reis verkörpert als Kratos und als Hermes die Staatsmacht, mal als kalter Technokrat, mal als impulsiv-wütender Vollstrecker. Jele Brückner gibt als Chorführerin und Tochter des Okeanos die Identifikationsfigur des Publikums. Bernd Rademacher hat als Okeanos einen fein ironisch untermalten Auftritt: Hufklappern und Gewieher kündigen Okeanos an, den nicht allzu engagierten Freund des Bestraften, der seiner Solidarität den Ton einer Pflichtübung verleiht.

Mitreißend ist Marius Huth als Io, das Sexualopfer des Zeus. Auf roten Hufschuhen tanzt er eine gehetzte Fluchtchoreografie hin, bei der das Anschauen schmerzt. Diese Frauenfigur ist der einzige Mensch im Drama und noch mehr Opfer als Prometheus. Der wusste immerhin, was er riskierte. Huths Io hingegen entfachte Lust und wird schuldlos misshandelt. Wie er die Qual in die Stimme legt, wie er verdutzt bemerkt, dass das Licht seinem Klatschen gehorcht, wie er die Verwandlung in eine Kuh andeutet und schreit und muht, das ist furios.

Diese anderthalb pausenlosen Stunden zeigen bildmächtig und sprachverliebt, wie existenziell Theater sein kann. Die wenigen Zuschauer, die das coronakonform auf Distanz erleben durften, spendeten langen, dankbaren Beifall.

18., 19.6.,

Tel. 0234/ 3333 5555, www. schauspielhausbochum.de

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