„Der frühe Dürer“ im Germanischen Nationalmuseum

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Grandiose Inszenierung: Albrecht Dürers „Anbetung der Könige“ (1504), Uffizien Florenz, zu sehen in Nürnberg. ▪

Von Matthias Kampmann ▪ NÜRNBERG–Im Vorfeld gab‘s gehörig Ärger. Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg mühte sich vergebens um Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ aus der Alten Pinakothek im gut 170 Kilometer entfernten München.

Was hat sich das fränkische Riesenmuseum nicht alles vorgenommen, um die jungen Jahre des Meisters von allen Seiten beleuchten zu können. Und dann diese kapitale Schneise. Das Ausleihverbot des exzeptionellen Stücks aus der Hand des Reiselustigen sorgte für Unmut auf höchster landespolitischer Ebene – ohne Erfolg. Nun läuft „Der frühe Dürer“, und das Haus geizt nicht mit Superlativen. Die Rede ist von „der größten Schau des Meisters seit 40 Jahren“. Bereits nach einem Monat Laufzeit strömten nicht ohne Grund 50 000 Besucher in die dämmerigen Räume.

Aus zwölf Ländern schickten 51 Leihgeber 120 seiner Werke. Hinzu treten 80 Arbeiten etwa von Jacopi de' Barbari, Hans Pleydenwurff oder Michael Wolgemut. Drei Jahre währten die Forschungen an dem Projekt, das Licht auf den Weg Albrecht Dürers (1471–1528) wirft: von Nürnberg aus zu europäischem Ruhm. Die Ausstellung ist das Ergebnis dieser Untersuchungen. Sie umspannt seine Schaffenszeit von 1484 mit dem „Selbstbildnis als Knabe“ aus der Albertina, Wien, bis ins Jahr 1505, dem Datum seiner zweiten Reise nach Venedig. Das Material ist in vier überschaubare Sektionen aufgeteilt. Neben Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken belegen Handschriften und Drucke Zusammenhänge zwischen Werk und Zeitgeschichte. Mit dem Klischee vom gottgleichen Meister, der, so zeigt sich‘s, auch nicht vom Himmel fiel, räumt die Schau nebenbei auf.

Mühen und Plagen um visuelle Richtigkeit sieht man den frühen Arbeiten deutlich an. Das kleine Erlanger Selbstporträt von 1491, eine Federzeichnung, strotzt vor pubertärem Selbstbewusstsein in der Zeit seiner Lehre bei Michael Wolgemut. Desgleichen die Wiener Silberstiftzeichnung aus demselben Jahr. Doch stimmen die Anatomien nicht ganz. Mal ist die Hand zu groß geraten, dann zu klein. Zu finden sind die Blätter in der Auftaktsektion, die sich dem Selbstbild widmet. Wie er dann übt und übt, um die Ansprüche an sich zu erfüllen, sieht man anhand einer der „Zwölf klugen Jungfrauen“ (Feder, 1493). Ungelenk, linkisch steht sie da. Vielleicht dachte er sich, zunächst seinen eigenen Leib erkunden zu müssen, wendete das Papier und zeichnete sein eigenes Bein in zweifacher Ansicht.

Dass Dürer der erste gewesen sei, der nach der Natur gemalt habe, erwies sich als Mythos. Sicher sind zu dieser Zeit natürlich wirkende Landschaften und Lebewesen selten. Doch bereits Hans Pleydenwurff malte eine wunderbare Königslilie. Sie dient als vorbildliches Muster für die Kollegen. Der Nürnberger fertigte um 1460 einen Altarflügel an, der Thomas von Aquin zeigt. Die hübsche Pflanze auf der Bildmittelsenkrechten verweist auf den Gottessohn. Und sie taucht in einem Musterblatt des Ummendorfer Kopialbuchs gute 30 Jahre später wieder auf. Diese Beispiele hängen in der Sektion „Abmachen und Neumachen“ neben Dürers wundervollem „Steinbruch“, einem Aquarell mit Deckfarben von 1495/1500. An diesem Blatt lässt sich außerdem beobachten, wie er 1496 im Kupferstich des „Heiligen Hieronymus in der Wüste“ die Felsdarstellung beherrscht.

Höchsten Genuss bringt die Frische der „Anbetung der Könige“ (1504) aus den florentinischen Uffizien. Lange hielt man den stehenden König für ein verstecktes Selbstporträt. Eine Meinung, von der die Forschung abgerückt ist. Macht nichts, denn das Bild ist die Pracht selbst. Perspektive und Farbigkeit sind außergewöhnlich spannungsvoll. Dürer inszeniert keineswegs die komplette Personenriege. Joseph fehlt. Dafür konzentriert der Maler das Geschehen auf die Könige und Maria mit dem Kind in einer Ruinenlandschaft. In dieser Abteilung, die dem Geschichtenerzählen gewidmet ist, darf die großartige Holzschnittfolge der Apokalypse nicht fehlen.

In der letzten Sektion zur Frage „Was ist Kunst“ strahlt Dürers in nur zehn Jahren gebildete Intellektualität. Schier unglaublich ist die Rückseite des kleinen „Karlsruher Schmerzensmannes“ von 1493/94. Ein farbiges Feuerwerk, das wie ein ungegenständliches Gemälde gestischer Malerei des 20. Jahrhunderts anmutet. Dann die Exponate aus der New Yorker Morgan Library oder das Blatt mit der Konstruktion eines männlichen Hauptes aus der Londoner British Library. Die faszinierende Handschrift eines Denkers. Der Widerhall der Theorie erklingt im Kupferstich „Adam und Eva“, ebenfalls von 1504.

Sicher wäre das Münchner Selbstbildnis in diesem Zusammenhang gut aufgehoben gewesen, doch bietet die Nürnberger Schau hinreichend Anschauliches, um den frühen Dürer in seinen künstlerischen, ökonomischen Umständen nahezubringen: eine Figur, die ein weitgespanntes Netzwerk pflegte, intellektuell auf der Höhe der Zeit und ein Unternehmer mit Geschick ersten Ranges war.

Der frühe Dürer im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Bis 2.9., tägl. 10 – 18, mi, do bis 21 Uhr,

Tel. 0911 / 131 0; http://

der-fruehe-duerer.gnm.de,

Katalog, Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg, 34,50 Euro

Quelle: wa.de

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