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Arnsberg zeigt Expressionismus im Rheinland und Westfalen

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Von: Achim Lettmann

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Adolf de Haers „Drei Mädchen mit Hund“ (um 1919) ist im Sauerlandmuseum Arnsberg zu sehen.
Expressive Malerei: Adolf de Haers „Drei Mädchen mit Hund“ (um 1919) ist im Sauerlandmuseum Arnsberg zu sehen. ©  sauerlandmuseum arnsberg

Das Sauerlandmuseum in Arnsberg zeigt mit der großartigen Ausstellung „Im Westen viel Neues“ den rheinisch-westfälischen Expressionismus.

Arnsberg – Ein Hund springt drei Frauen freudig entgegen. Sie stehen dicht beieinander und beugen sich zu dem aufgeregten Tier. Adolf de Haer malte die Begrüßung als Sinnbild für Freundschaft. Die Menschenfiguren drücken in dem Gemälde „Drei Mädchen mit Hund“ durch ihre Nähe Verlässlichkeit aus, und der Vierbeiner steht für Treue an sich. Im Hochformat geht die Dynamik des Augenblicks in eine flächige rhythmische Komposition über. Die Gesichter wirken maskenhaft, die weißen Kleider schimmern kristallin, Körper, Arme und Hände sind überproportional gedehnt. Das Sujet und die Stilmittel lassen an Ernst Ludwig Kirchner und Franz Marc denken. Doch neben den Zentren des Expressionismus in Berlin, München und Dresden schufen Maler, Grafiker, Bildhauer und Schriftsteller auch in den Rheinlanden und Westfalen expressive Kunst. Eine Ausstellung in Arnsberg erinnert an ihren Beitrag zur Kunstgeschichte.

„Im Westen viel Neues. Facetten des rheinisch-westfälischen Expressionismus“ heißt die Schau im Sauerlandmuseum. 160 Exponate sind zu sehen, die zwischen 1908 und 1928 entstanden sind. Neben großartigen Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen, Druckgrafiken und Alltagsobjekten überzeugt die Präsentation in ihrer Bandbreite. Wie kraftvoll und vielschichtig der Expressionismus war, macht die Ausstellung in thematisch gefassten Kapiteln deutlich: Architektur, Natur, Stadt, Theater, Lyrik, Kunst und Leben zeigen, dass der Expressionismus die Gesellschaft durchdringen wollte.

Im Westen unterstützten private Sammler aus dem Finanzbürgertum und der Schwerindustrie moderne Entwicklungen. Die preußische Kulturpolitik aus Berlin bestand auf Ateliermalerei in den Kunstakademien. Dagegen öffneten sich Kunstgewerbeschulen der Freilichtmalerei und individuellen Bildfindungen. Der Bielefelder Hermann Stenner machte wie Peter August Böckstiegel aus Arrode auf diesem Weg 1908 erste malerische Erfahrungen. Stenners „Selbstbildnis im Kostüm (Der Römer)“ von 1913 ist in Arnsberg zu sehen, wie gleich mehrere Gemälde Böckstiegels. Der westfälische Expressionist drückte mit den Porträts seiner Eltern das harte Bauernleben aus. Seine Landschaften waren Seelen- und Stimmungsbilder – keine idealisierte Genremalerei. Das Gemälde „Die große Eifellandschaft“ (1916) von Paul Adolf Seehaus (1891–1919), dem einzigen Schüler von August Macke, ist ein Beispiel dafür, wie sich der klassische Blick auf die Landschaft durch eine expressive Formensprache zum Bild seiner Zeit wandelte.

Walter Ophey aus Eupen zählte zur Künstlervereinigung „Junges Rheinland“. In seinem Gemälde „Turm in Brilon“ (um 1922) bringt er die Propsteikirche St. Petrus und Andreas in ein merkwüdiges Missverhältnis zu den geduckten Stadthäusern. Rotbraune Wolken wirken in seinem Bild wie göttliche Zeichen und befremdlich.

Wie der Künstler auf die Welt blickt, ist das übergeordnete Thema des Expressionismus. Wer etwas Zeit mitbringt, sollte sich das Mappenwerk von Hans Rilke aus Rheydt ansehen, das digital aufbereitet ist. 1921 fasste Rilke 15 Lithografien zusammen: „Und die große Stadt fraß Frauen“. Es ist ein düsteres Bilderdrama zum Leben einer Frau mit unehelichem Kind – chancenlos in der patriarchalen Nachkriegsgesellschaft. Blätter wie „Schutthalde“, „Selbstmordversuch“, „Menschenware“ und „Im Wöchnerinnenheim“ schaffen mit dichten Strichkaskaden eine ätzend beißende Gesellschaftkritik. Rilke steht Otto Dix und George Grosz in nichts nach.

Die Grafik erlebte eine Blütezeit. Im Schwarz-Weiß-Kontrast ließen sich Themen pointiert fassen. Die Blätter konnten leichter als Gemälde vermarktet werden. Und ein Motivtyp wie „Alter Männerkopf“ von Aloys Röhr besticht abstrahiert mit andächtiger Menschlichkeit. Der Bildhauer aus Münster schuf den Holzschnitt 1924.

Im Urhebergesetz von 1907 wird das Kunstgewerbe auf eine Stufe mit der bildenden Kunst gesetzt. Helmuth Macke (1891–1936), Vetter von August Macke, bemalte das Mobiliar seines Schlafzimmers. Der Kommodenschrank in Arnsberg zeigt Aktfiguren und Tierdarstellungen. Zeitweise arbeitete Macke auch mit Christian Rohlfs und Marianne von Werefkin zusammen. Von der Kölnerin Fifi Kreutzer ist der Entwurf für die Bemalung eines Konzertflügels ausgestellt: eine Urwaldszenerie und eine Wiederentdeckung.

Auf Initiative des Deutschen Werkbunds sollten Künstler sogar das Produktdesign entwickeln, das in Deutschland unter Stilvielfalt litt und dem Historismus verpflichtet war. Die erste Werkbundausstellung in Köln bot 1914 Vorbilder für die Moderne. Doch erst nach dem Ersten Weltkrieg setzt sich der Expressionismus durch.

Diese Aufbruchstimmung spiegelte sich auch am Stadttheater. Die Bühne wurde zu einem Freiraum, in dem sich Utopien erproben ließen. Regieansatz, Kostüme und Bühnenbild waren abgestimmt. Künstler Werner Schramm hatte Szenen für die Oper „Der Troubadour“ für eine Inszenierung in Mönchengladbach entworfen. Aus der Theaterwissenschaftlichen Sammlung in Köln sind Beispiele von 1913 zu sehen, die herrlich expressive Bühnenbauten zeigen. Anfang der 1920er Jahre übernimmt Walter von Wecus die Bühnenklasse an der Kunstakademie Düsseldorf, wo moderne Prinzipien im Lehrprogramm verankert werden.

Wie groß die Zuversicht unter Künstlern war, die Gesellschaft zu gestalten, belegt der Schöpfergeist, der aus vielen sprach. Wilhelm Morgner (1891–1917) aus Soest sagte: „Ich will das Dasein in eine Farben- und Formensymphonie verwandeln, in einen Lebensklang.“ In Arnsberg ist Morgner mit einigen Gemälden vertreten. Sein Impuls, mit Kunst Grenzen zu überschreiten, ist der Impetus moderner Kunst an sich.

Auch in der Lyrik wird das Ich zum reaktiven Gradmesser, wie sich die Welt beschreiben lässt. Sprachrhythmus und -lautung sowie neue Worte zählen zu den bevorzugten Ausdrucksmitteln. August Stramm (1874–1915) aus Münster verfasste expressive Gedichte. „Traum“ (1914/15) bietet eine Fantastik („Durch die Büsche winden Sterne“) und lässt „Winde schnellen prellen schwellen“.

Bis 23.1.2022; di 9 – 18 Uhr, mi–fr 9 – 17 Uhr, sa 14 – 18 Uhr, so und Feiertage 10 – 18 Uhr; Katalog 24,90 Euro; Tel. 02931/94 44 44; www.

sauerland-museum.de

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