„Der Concierge“ amüsiert in Münster

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Tommaso Balbo ist der „Concierge“ in Münster.

Von Edda Breski -  MÜNSTER Menschen im Hotel teilen eine eigenartige Form von Intimität: Während sich die Gäste in fremden Zimmern zu Hause fühlen sollen, herrscht das Personal über ein Interieur, das ihnen ebenso wenig ein Zuhause ist wie den Gästen.

Der junge Choreograph Felix Landerer macht aus dieser Situation ein Tanz-Theater-Stück, das mit Elementen der Show und des absurden Theaters spielt. „Der Concierge“ ist zu sehen am Kleinen Haus in Münster.

Landerers Concierge herrscht blind grinsend über das Hotel (Bühne und Kostüme: Till Kuhnert), ein Zaubermeister in einer Jahrmarktbude. Auf einen Fingerzeig von ihm geht die Easy Listening-Musik, die aus einem altmodischen Radio kommt, in Dauerschleife. Hände tauchen aus dem Dunkel auf; wo ein Tänzer verschwunden ist, erscheint ein anderer. Am blauen Plüsch der Tapete drückt sich, auf den zweiten Blick sichtbar, eine Gestalt entlang, die Tarnkleidung trägt wie in Spionage-Parodien: das Oberteil tapetenfarben, die Hose beige wie die „Täfelung“. Es gibt viel zu sehen. Während vorne getanzt wird, geht hinten eine Pantomime weiter.

Die Handlung hat eigentlich keine Richtung, sondern zieht in Sequenzen am Betrachter vorbei. Nach und nach erschließt sich, was er gerade gesehen hat. Landerer spielt auch mit Zeitbegriffen, dehnt Szenen aus oder verlangsamt Tanz auf Zeitlupentempo. Wie ein Puppenballett tauchen Pagen auf, zu einem niedlichen, maschinenhaften Walzer, der sich irgendwann zusammenballt und die Tänzer wie ein Sog in eine rasend schnelle Gruppenchoreografie hineinzieht. Landerers Arbeit passt gut in die Reihe der Werke von Münsters Tanzchef Hans-Henning Paar, der seine Tänzer als Mohnblumen im „Sommernachtstraum“-Rausch gezeigt und im „Schwarzen Garten“ viktorianischen Horror auf die Bühne gebracht hat. Landerer spielt ebenfalls mit Vorstellungen von Realität, aber er macht es noch subtiler.

Viele Szenen leben von absurdem, manchmal comic-haftem Witz. Der Concierge schlägt auf eine Empfangsklingel, und die Pagen tanzen. Kommt ihm jemand zu nahe, „klingelt“ er ihn weg. Ein Klingeln, Gäste kommen aus ihren Zimmern. Ein Klingeln, sie verschwinden wieder. Tänzerisch ist das toll gemacht: Das Stoppen, eingefrorene Bewegungen und umwerfend gemachte „Rückspuleffekte“, in denen die Tänzer nahtlos ihre Bewegungen „rückwärts“ tanzen. Das klappt nur, weil die Truppe sehr gut aufeinander eingestellt ist.

Als störendes Element führt Landerer eine „Fremde“ ein. Kana Mabuchi versucht, den Laden zu übernehmen. Sie spricht ins Leere Japanisch und tanzt zum Rhythmus ihres Sprechens. Irgendwann greift sie sich das Megaphon des Concierge und singt tonlos hinein. Es funktioniert: Sie zwingt alle unter ihren Rhythmus, während der Concierge hilflos hinterherläuft.

Tommaso Balbo hat in der Titelrolle eine starke Präsenz. Er gibt die absurde Gestalt mit langem Gesicht, das wie schockgefroren erscheint. Als er die Kontrolle über seinen Spukladen verliert, rennt er steifen Gesichts hinter seiner verlorenen Kontrolle her.

Landerer präsentiert Vexierbilder, schwankende Perspektiven, spielt mit Ironie und Realität. Allerdings hätte er kürzen sollen. Es dauert oft enervierend lange, bis eine Szene entwickelt ist. In Kombination mit lärmenden Tonballungen (Christoph Littmann) kann das nerven. Dennoch lohnt das Anschauen. Die rasanten Sequenzen der Pagen und Gäste und das präzise Timing der Münsteraner Tänzer sind beeindruckend.

27., 30. 5.; 7., 11., 17., 20., 22. 6.; 6.7.; Tel. 0251/59 09100

Quelle: wa.de

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