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Der BBK zeigt im Dortmunder U die Ausstellung „Klare Kante“

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Von: Ralf Stiftel

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Das kinetische Objekt „Koma“ von Roland Hermanns Ausstellung Klare Kante Dortmund
Das kinetische Objekt „Koma“ von Roland Hermanns kommentiert durch Buchstabenbewegung. © Foto: Ralf Stftel

Dortmund – Dieses Kleid ist für Riesinnen gemacht. Meterhoch hängt es im Ausstellungssaal im Dortmunder U, weht im Luftzug, so gewaltig und doch so empfindlich. Das ist kein Gewand zum Anziehen, es ist eher ein Memorial, ein Gedenkstück, ein Nachdenkstück. Eva Vahjen hat „to be“ aus Kassenbons zusammencollagiert, 2021, als auch ihre Heimatstadt Meckenheim von der Flut getroffen wurde. Viele Läden, die diese Zettel ausstellten, hat die Swist fortgespült.

Die Künstlerin hat mit ihrer Kassenzettelskulptur den Konsum sozusagen kurzgeschlossen. Man braucht kein Leinen, keine Seide, keine Couture. Man kann für das Geld auch gleich die Quittungen nehmen als bleibenden Gegenwert. Auch wenn kein Nutzen dabei entsteht.

Zu sehen ist das Objekt in der Ausstellung „Klare Kante“, mit der der Landesverband Nordrhein-Westfalen im BBK eine Tradition begründen möchte. In regelmäßigem Turnus sollen Landesausstellungen eine Leistungsbilanz der 1600 professionellen Künstler vermitteln, die im BBK organisiert sind. Die Vorsitzende Birgit Bailer hatte schon 2016 die Idee. Damals hatte sie gehört, dass die Kollegen vom Landesverband Schleswig-Holstein schon seit 60 Jahren Landesschauen ausrichten. Eigentlich sollte 2019 Premiere in Dortmund sein. Aber die Pandemie verzögerte den Start. Bis jetzt. Die Mitglieder waren eingeladen, Arbeiten einzureichen, die sich mit den globalen Herausforderungen der Gegenwart befassten.

Die eingesandten Arbeiten hatten untereinander keinen Bezug, alle Medien sind vertreten von Zeichnung, Malerei, Fotografie über Skulptur und Installation bis zum Video. Keine leichte Aufgabe, aus einem so diversen Bestand eine Schau mit einer Linie zu gestalten. Das Auswahlverfahren war streng und vor allem neutral: Eine Jury sah die 246 Arbeiten an, die alle anonymisiert vorgelegt wurden. Die 127 angenommenen Werke arrangierte Kuratorin Natalie Gutgesell in sechs thematischen Kapiteln unter kurzen Sätzen wie „Wir lassen es uns gutgehen“ oder „Ihr könnt doch auch mal was tun“.

Die ausgewählten Arbeiten sind zum Teil sehr schnelle Reaktionen auf aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Marion Müller-Schroll stellt lebensgroße Gips-Skulpturen der „Corona-Kinder“ (2020) in den Raum. Die bleichen, ernst blickenden Figuren in Badekleidung tragen Kappen mit den typischen Stacheln des Covid-Virus. Die Mindener Künstlerin Liselotte Bombitzki stellt auf ein abstraktes Bild das zynische Zitat von Wladimir Putin: „Ob es dir gefällt oder nicht, meine Schöne, du musst es erdulden.“ Der russische Staatschef zitierte ein Lied über eine Vergewaltigung und setzte die Ukraine in die Rolle der Frau. Anne Thoss deckt eine festliche Tafel für ihre Installation „Nein, eure Suppe ess ich nicht...“ (2021/2022), und richtet auf den Tellern Gerichte wie „Nimmersatt von Ausbeutung“ und „Toter Fisch im Plastikstrudel“ an. Da stimmt die Haltung, die Gestaltung freilich bleibt unterkomplex.

Aber es gibt auch einiges zu entdecken in dieser vielgestaltigen Präsentation. Zum Beispiel den spielerischen Angang im kinetischen Objekt „Koma“ (2020) von Roland Hermanns, bei dem die an Stäbe montierten Buchstaben des Wortes „Klima“ sich in Bewegung setzen und umformen zum Kommentar „Amok“. Elisabeth Brosterhus inszeniert einen Ausschnitt aus einem archäologischen Museum in ihrer Installation „Zeitenwende: vom Holozän ins Anthropozän“. Unter den Fotos eines verbrannten Waldes werden Scherben und Glasstücke wie Fundstücke von Ausgrabungen gezeigt, datiert auf „2018 n. Chr.“. Die Künstlerin führt uns mit zerbrechlichen Objekten die Vergänglichkeit der Zivilisation vor Augen. Erwartungen unterläuft Dirk Schmitt mit dem realistischen Gemälde einer attraktiven jungen Frau in der Meeresbrandung, deren rechtes Bein eine Prothese ist („Posing“, 2019/20).

Mit Materialien verblüfft Nadia Pereira Benavente in ihrer Skulptur „Stick Together“ (2022): Das Absperrgitter aus scheinbar robusten Metallstäben fertigte sie aus Porzellan. Aus Bienenwaben baute Susanne Behringer ein kleines Wachsobjekt, ein Kreuz („behüten“, 2019), das für sich steht, mit der ungewohnten Stofflichkeit Assoziationsräume öffnet. Auch alltäglichen, vermeintlich banalen Stoffen wohnt ein Zauber inne, wie Jae Jin Park zeigt: Die Künstlerin stapelt für ihren „Lichtraum (Kokon)“ (2021) die Schachteln von Medikamenten und Kosmetika zu einer Wabenwand. Die Deckel sind eingefaltet, sodass man durchsehen kann. Minimalistisch arbeitet auch Ali Reza Javadi, der aus Kronkorken und Murmeln Augen formt, von denen er Hunderte an die Wand bringt. „Ich bin überall“ schafft so einen Raum, in dem man sich beobachtet fühlen soll. Am Eingang zur Passage hängt eine „Datenschutzerklärung“: Wer nicht wahrgenommen werden will, soll sich einen pinken Papierpunkt auf die Stirn kleben. Einen Blick in die sozialen Medien wirft Rita-Maria Schwalgin mit ihrer Collage „Kontakt unerwünscht“. Als große Ensembles reiht die Dortmunder Künstlerin Screenshots von Freundschaftsanfragen auf, die sie bei Instagram oder Facebook bekam. Und man fragt sich, welche Interessen sie mit all den smarten, uniformierten Herren mit Militärhaarschnitt aus den USA teilen sollte, die da von Profilbildern lächeln.

Eine ironisch-surreale Hommage an die Arbeit zeigt Willi Reiche mit dem „Bügelpalast“ (2018), einer kinetischen Skulptur aus Teilen industrieller Bügelmaschinen, die auf Pedaldruck winken, ein metallener abstrahierter Engel der Produktivität.

Der BBK plant, die Landesausstellung im Fünf-Jahres-Rhythmus fortzusetzen.

Bis 8.1.2023, di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0231/ 5024 723

www.dortmunder-u.de

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