Dennis Kellys „DNA“ in Bochum

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Nachdenken, was richtig ist: Leah (Katharina Rehn, von links), Phil (Erol Afsin), Billie (Dorothée Neff), Richard (Paul Behren) und Mark (Luise Kinner) in „DNA“ am Schauspielhaus Bochum.

Von Achim Lettmann -  BOCHUM Es ist passiert. Adam ist durch ein Gitter in die Tiefe gestürzt. Er hat sich alles bieten lassen, weil er dazugehören wollte. Er wurde gehänselt, gequält, getrieben, gejagt und mit Steinen beworfen. Dann ist es passiert. Wie die Jugendlichen mit Adams Tod umgehen, thematisiert der britische Autor Dennis Kelly in seinem Stück „DNA“ (2007).

Es geht um Schüler, die sich nach Adams Sturz neu orientieren oder auch nicht. Dabei ist Dennis Kelly kein Kriminalist. Schuld wird hier auch nicht juristisch portioniert. Wer warf den letzten Stein? Wer sagte, komm’ wir hauen ab? War es ein Unfall, eine Nötigung, ein Mord? Darum geht es in „DNA“ nicht wirklich.

An den Kammerspielen in Bochum ist eine soziologische Gewaltstudie zu beobachten. Regisseurin Katja Lauken zeigt Jugendliche, die zwischen Schule und Berufswunsch auf der einen Seite, sowie ihren Fantasien und Hoffnungen auf der anderen Seite flackern. Was bietet Orientierung? „Zahnarzt“ wäre für Danny ein „Plan“. Marcus Krone skizziert ihn als ängstlichen Schleimer, der Adams Platz einnehmen könnte. Jan (Sophie-Louise Killer) und Mark (Luise Kinner) sind quirlige Nervtöter, die amüsiert über alle Vorfälle berichten, als wäre es TV-Chaos aus Daily Soaps oder „Jackass“. Lou (Lou Zöllkau) quasselt in sich hinein und knuddelt ihre Puppe. Cathy (Elaine Cameron) gefällt sich in ihrem Geltungsdrang, Richard (Paul Behren) ringt um Selbstbehalt und ist nachdenklich. Und John (Stefan Hartmann) schreit so lange, bis alle „auf seiner Seite sind“, also die Sache mit Adam nicht erzählen.

Die Bochumer Inszenierung mit der Folkwang Universität der Künste verzichtet auf soziale Erklärungen. Das Bühnenbild von Lydia Merkel ist eben kein Wohnsilo aus dem Norden Englands oder Duisburg-Marxloh. Ein Röhrenschacht steht diagonal in den Kammerspielen, wie ein stillgelegter Tunnel oder ein skelettiertes Urvieh. Das ist der Rückzugsort. Neben dem Treffpunkt verbindet der Dress-Code die Jugendlichen. Maren Geers Kostüme sind von Manga- und Anime-Figuren inspiriert. Westen mit riesigen Schulterpolstern, Hotpants über glitzernden Strumpfhosen, dicke Knieschoner und stylische Frisuren. Billie ist das zartbesaitete Wesen, mit wuschigen Stehhaaren und der Angst, die Fragen der Polizei nicht auszuhalten. Dorothée Neff spielt eine flippige Sirene, die empfindsam trauert um Adam, sich aber für ein Komplott benutzen lässt. Kernfrage der Jugend: „Müssen wir handeln wie die Menschen vor uns?“

Das wird jederzeit spannend verhandelt. Diskussionsführerin ist Leah, die um Phils Liebe buhlt. Katharina Rehn spielt die agile junge Frau und balanciert dabei die große Sprechrolle des Stücks aus. Ihr gelingt das Kunststück alle Befindlichkeiten und Motivlagen zu dramatisieren, ohne die Deutungshoheit zu erlangen. Denn der große Chef und Schweiger ist Phil. Erol Afsin sitzt da, denkt, beobachtet und gibt Anweisungen. Dass er pausenlos Äpfel schneidet und verzehrt, könnte eine Anspielung auf Apple und die kalte Machteffizienz des High-Tech-Konzerns sein. Aber vielleicht ist das auch nur überinterpretiert, und statt Zigaretten, wie in Jugendstücken früherer Tage, gibt sich der Pate im Computerzeitalter eher ernäherungsbewusst. Als Adam plötzlich wieder auftaucht – Stefan Hartmann tapst als Aussätziger über den Bühnenrand und brabbelt – muss die Logik der bösen Tat her. Wie in den britischen Stücken von Sarah Kane und Mark Ravenhill fehlt jede Romantik. Tod, Leere und Verstörung siegen. Das wird aus dieser Generation!

heute, 29. April, 2., 13., 14. Mai, 10., 11., 25. Juni; Tel. 0234/3333 5555

Quelle: wa.de

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