Halle Münsterland

Umjubelter Auftritt von Deichkind in Münster

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Deichkind bei ihrem Konzert in Münster.

MÜNSTER [Update 18.55 Uhr] - Wieviel Anarchie kann man choreografieren? Das ist nur eine Frage, die einem bei dem bunten und ekstatischen Treiben bei einem Auftritt von Deichkind durch den Kopf geht. Wobei, dafür findet man kaum Zeit bei all den Schauwerten, die die Hamburger Band liefert mit ihrem Mix aus Eletroclash und -punk, Kirmestechno und Rap.

Von Frank Zöllner

In der ausverkauften Halle Münsterland begeistern am Donnerstagabend Phillipp Grütering, Sebastian „Porky“ Dürre, DJ Phono und Ferris MC sowie weitere Live-Mitstreiter ihre Fans mit einer mitreißenden und denkwürdigen Show zwischen Irrsinn und Kindergeburtstag. Die Hamburger betreiben bei ihren Shows einen gigantischen Aufwand mit Hüpfburgen und Trampolinen.

Anlass zu der am Mittwoch begonnenen Deutschland-Tour, die die Band auch am Samstag in die ausverkaufte Westfalenhalle nach Dortmund führt, ist die im Januar erschienene Platte „Niveau weshalb warum“. „So’ne Musik“ heißt der Eröffnungssong – und der gibt gleich die Richtung vor. Hierzu tragen die Deichkind-Musikanten leuchtende Pyramiden-Hüte, die das Gesicht komplett verhüllen. In „Denken sie groß“, der ersten Single des neuen Albums, hat Ferris MC ein großes pinkes Gehirn auf dem Kopf.

Bilder vom Deichkind Konzert in Münster

Deichkind in Münster

Deichkind geht an die Grenzen

„Hauptsache nichts mit Menschen“ wird später zu einer Psycho-Therapie für Ferris MC. Massenaufläufe sind nichts für das gealterte und selbsternannte „Reimemonster“ -- das erträgt er anscheinend nur, wenn er auf der Bühne steht. Nun muss er eine Polonaise mit der Band durch die Menge anführen.

Zu den parolenhaften Songs wie „Bück Dich hoch“ und „Arbeit nervt“ gibt es ausgeklügelte Bewegungsabläufe – und ständig werden die Kostüme gewechselt. Die Songs über Selbstausbeutung werden etwa durch Ruderbewegungen auf Bürostühlen untermalt.

„Leider geil“ ist noch so ein Song mit einer Botschaft, die in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen ist – dazu gibt es einen riesigen Luftballon mit diesem Schriftzug. Auch mit der neuen Single „Like Mich Am Arsch“, die in dieser Woche veröffentlicht wurde und bereits über eine Millionen Klicks am ersten Tag bei Youtube hatte, beweisen sich Deichkind wieder als oberste Parolen-Einführer in der deutschen Popmusik.

Politische Botschaft: "Flüchtlinge willkommen"

Der von einer simplen Melodie getragene Song setzt sich kritisch mit dem Online-Gebaren auseinander, wonach sogar Todesmeldungen ein „Like“ bekommen und immer neue Petitionen unterschrieben sein wollen.

Es geht nicht nur bunt zu, sondern auch laut. Zu „Hoverkraft“ gibt es eine Bootstour auf Fanhänden. Und wenn Deichkind zu „Roll das Fass rein“ in einem riesigen Holzfass ins Publikum fahren, schwenken sie nicht nur Fahnen, haben Masken auf, sondern tragen Ganzkörperanzüge mit der politischen Botschaft „Flüchtlinge willkommen“.

Sie dürfen auch die Anwesenden als „Illegale Fans“ titulieren, die Musik im Netz stehlen. Eine modifizierte Zeitreise zu den Anfängen als HipHopper bieten die Nummern „Komm schon“ und „Bon Voyage“, zu der die Band eine riesige Strandkulisse auf die Bühne zaubert.

Modifizierte Zeitreise als HipHopper

Der rasante Kreuzzug wider den tierischen Ernst und die Konsumgesellschaft findet über mehrere Eskalationsstufen seinen Höhepunkt in Saufliedern („Hört Ihr die Signale“, „Prost“) und der Frage, ob das schweißnasse, pogende und wogende Publikum bereit ist, ans „Limit“ zu gehen.

Im letzten Song wird der Party-Wahnsinn komplett visualisiert. Zu „Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)“ werden von einem riesigen Schlauchboot aus im Publikum Konfetti verteilt, die anderen Bandmitglieder stehen in Unterhose bekleidet auf der Bühne, hüpfen auf einem Tampolin und wehenden Fahnen. Das alles ist zwar einstudiert, lässt den Betrachter aber immer wieder aufs Neue staunen und widerspricht der Grundidee jeder Konformität.

Quelle: wa.de

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