David Peaces historischer Roman „GB 84“

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Geschichte wird bei ihm zum suggestiven Verschwörungsthriller: Der britische Autor David Peace.

Von Ralf Stiftel Ein Jahr lang streikten die Bergleute in Großbritannien vom 5. März 1984 bis zum März 1985. Vordergründig ging es darum, die Schließung einiger Zechen zu verhindern. Tatsächlich griff die Regierung von Margaret Thatcher die Gewerkschaften an. Sie sollten entmachtet werden. Die Geschichte dieses „schändlichen Krieges“, so einer der Protagonisten, erzählt David Peace in einem atemberaubend dichten Roman: „GB 84“.

Dabei führt der Romancier den Leser in die Hinterzimmer der Macht, dahin, wo Intrigen gesponnen, Schlachtpläne entworfen, Verbrechen ausgedacht wurden. Peace, 1967 in Yorkshire geboren, entwirft ein Historiengemälde aus vielen kurzen Szenen, voller präzise recherchierter Fakten. Eine Reihe realer Personen tritt auf: Gewerkschaftsführer Arthur Scargill, King Arthur genannt, die Premierministerin, sogar Muammar al Gaddafi, der libysche Diktator. Peace wurde bekannt als Autor von Thrillern über einen Serienmörder in seiner Heimat. Auch diesem Roman zieht er eine Krimi-Handlung ein. Heraus kommt ein Buch, das die fiebrige Atmosphäre jenes Jahres bedrückend nachzeichnet. „England war eine Séance, innen und außen“, heißt es.

Das Buch ist streng aufgebaut. Jedes Kapitel beginnt mit einer Seite Text ohne Absatz. Oft endet sie mitten im Satz, wird auf der Seite vor dem folgenden Kapitel fortgeführt. Da zeigt Peace die Ereignisse aus der Sicht zweier Streikposten, Männer, die morgens nicht wissen, wohin der Weg sie heute führt, an welches Schlachtfeld dieses Bürgerkriegs, unter welche Polizeiknüppel. Martin und Peter verlieren ihre Existenz, ihre Familien, denn es gibt kein Streikgeld, keine Unterstützung. Die Bergleute brauchen Suppenküchen, klauen Kohle von den Halden.

Die Kapitel sind in kurzen Abschnitten erzählt. Da gibt es Stephen Sweet, den Juden, der einem wirklichen Berater Thatchers nachgebildet ist. Er manipuliert die Medien, schickt Schlägertrupps in Kneipen, baut eine Gegengewerkschaft auf. Sein Chauffeur Neil Fontaine übermittelt die Aufträge des Juden, der eine irritierend ambivalente Figur ist: Auf einer Feier demütigt ihn Thatchers Mann Denis, schon in der Studienzeit erlebte er Antisemitismus, und doch reibt er sich als williger Gehilfe der eisernen Lady auf, ist ihr, wie er sagt, „Auge und Ohr“.

Scargill, den Gewerkschaftsboss, erlebt der Leser aus der Sicht des Finanzverwalters Terry Winters, der seinerseits nach einer Strategie sucht. Es geht darum, die Streikkasse vor dem Zugriff der Regierung zu schützen. Da agiert Winters wie ein steuerflüchtiger Millionär mit Schwarzgeldkonten im Ausland.

Dazwischen tummeln sich Gangster, Polizisten, böse Frauen. Der Mechaniker ist ein Auftragskiller im Ruhestand, der von Fontaine zu dreckigen Jobs gepresst wird. Da ist Malcolm Morris, die „Elfe“ der Regierung, ein Abhörspezialist, der vom Lauschen der Bänder Ohrenbluten bekommt. 1984 war auch das Orwell-Jahr. Peace lässt einmal die Gewerkschaftsführung stumm beraten, mit Zettelbotschaften, die sofort vernichtet werden. Fast jeder hier hat eine Geliebte oder ist seiner Frau untreu oder sie ihm oder alles zusammen. Peace schätzt Brecht. Wie in der Dreigroschenoper wird das Weib den härtesten Kerlen zum Verhängnis.

Am Ende wird ein brutaler Mord zu einem Gedicht, einer expressiven Ballade: „Sie gaben seinem Fleisch die Schuld, verfluchten seine Knochen...“

Im Original erschien das Werk 2004, jetzt liegt es auf Deutsch vor. So fulminant es geschrieben ist, etwas fehlt: Erklärung. Die Ereignisse sind dem deutschen Leser doppelt fern, zeitlich und räumlich. Dass ein Streik wie ein Bürgerkrieg geführt wurde, viele Namen und Daten, muss ein Leser nachschlagen. Auch weil Realität und Erfindung sich hier mischen, hätte das Buch unbedingt ein Nachwort, ein Glossar gebraucht.

David Peace: GB 84. Deutsch von Peter Torberg. Liebeskind Verlag, München. 539 S., 24,80 Euro

Quelle: wa.de

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