David Greigs „Die Ereignisse“ in Münster

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Trostmoment nach der Katastrophe: Szene aus „Die Ereignisse“ in Münster mit Regina Andratschke und Bálint Tóth.

Von Anke Schwarze MÜNSTER - Die hängenden Arme an den Körper gepresst, steht Claire am Rand der Bühne. Ihre Stimme klingt reglos, ihre Augen blicken stumpf. Ihr oliv-grauer Pulli verschmilzt beinahe mit den grauen Wänden. „In diesem Moment habe ich gespürt, wie meine Seele den Körper verlassen hat. Sie ist seitdem nicht mehr wiedergekehrt“, sagt sie über die Ereignisse.

„Die Ereignisse“ – das ist die Ermordung von Claires multikulturellem Chor durch einen ausländerfeindlichen Jugendlichen. David Greig nahm sich tatsächliche Ereignisse zum Vorbild für sein Stück: die Terroranschläge des rechtsextremen Norwegers Anders Breivik. Frederik Tidén inszeniert Greigs Schauspiel als deutsche Erstaufführung am Theater Münster.

Im Bühnenbild von Claudia Irro ist Claire Gefangene ihrer Suche nach dem „Warum“. Sie kann ihnen nicht entkommen, den Grablichtern, den Friedhofsvasen, den Kuscheltieren. In den Rahmen dazwischen fehlen die Bilder der Ermordeten. Die leeren Rahmen stehen für die namenlosen Opfer von Gewalttaten nicht nur in Norwegen.

Die beiden Wände führen über einem ansteigenden Bühnenboden schräg nach hinten. Es entsteht eine verzerrte Perspektive, die alles, was vorne ist, verkleinert, und umgekehrt. Claire weiß nicht mehr, wie sie die Dinge wahrnehmen soll, seit die jungen Mütter, die Asylbewerber, die älteren Menschen, alle Mitglieder ihres Chores, erschossen wurden. Jede Person, mit der sie spricht, nimmt die Gestalt des Attentäters an. Bálint Tóth verkörpert diese Figuren. Regine Andratschke ist Claire. Von Aufführung zu Aufführung übernehmen Laienchöre die Rollen der Toten, die sich immer wieder singend in Claires Erinnerungen schleichen, mal mit quälend langsamen Liedern, mal mit bedrohlichem rhythmischem Zischeln.

Claires Vergangenheitsbewältigung flimmert in Bruchstücken über eine Bühne. Sie will den Charakter des Attentäters verstehen, um ihn hassen zu können. Also forscht sie nach, bei seinem Vater, bei einem ehemaligen Mitschüler, bei ihrem Psychologen. Teilweise wechselt Bálint Tóth noch während des Dialogs vom Vater zum Mitschüler, vom Pfarrer zu Claires Lebenspartnerin. Da ist Konzentration gefordert. Dazwischen platzen surreale Traumerlebnisse. Während eines orgiastischen Kreischens von Todeskrähen aus dem Off wirft Claire ihren Pulli von sich und schiebt sich mit nacktem Busen unter das Shirt des Attentäters.

Greigs Schauspiel haftet etwas Didaktisches an. Er handelt die Stadien der Krisenbewältigung ab – die Gespräche mit dem Psychologen, das autoaggressive Verhalten, das Zerbrechen von Claires Beziehung zu ihrer Lebenspartnerin. Regine Andratschke und Bálint Tóth können sich gegenüber diesen Exempeln behaupten. Andratschkes Augen leuchten in seltenen Augenblicken, in denen sie in Erinnerungen schwelgen kann. Meistens bewegt sie sich mechanisch und spricht monoton, unterbrochen von stoßweisem Weinen oder, noch beklemmender, hektischem Gebrabbel. Wenn er Claires Lebenspartnerin spielt, tastet sich Tóth behutsam ins Gespräch. Als rechter Rädelsführer lächelt er so verständnisvoll, dass es zum Reinschlagen ist. Am Ende mutiert er zu einem armselig stammelnden Etwas, wenn Claire dem Attentäter im Gefängnis begegnet. Es bleibt ein kleiner Junge hinter einer monströsen Tat – und es bleiben Menschen, für die nach den Ereignissen nichts mehr sein kann wie davor.

11., 19.9., 8., 23.10., 5., 29.11., Tel. 0251/ 59 09 100,

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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