David Bösch inszeniert „Kleiner Mann, was nun?“ am Schauspielhaus Bochum

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Nur die Familie zählt: Pinneberg (Raiko Küster) und Lämmchen (Maja Beckmann) in der Premiere „Kleiner Mann, was nun?“ am Schauspielhaus Bochum nach dem Roman von Hans Fallada. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BOCHUM–Leicht wird es nie für Emma Mörschel und Johannes Pinneberg sein. Beide wissen, dass sie keine große Begabung haben und „immer nach dem Geld krampfen“ werden. Dass sich ein Baby („Murkel“) angekündigt hat, erschrickt ihn, freut sie und bringt das junge Paar dann doch enger zusammen. Hoffnung wird spürbar, eine behutsame Liebe entfaltet sich am Schauspielhaus Bochum.

„Kleiner Mann, was nun?“ fragt Regisseur David Bösch, der mit Sabine Reich eine Bühnenfassung nach dem Roman (1932) von Hans Fallada erarbeitet hat. In Bochum fällt die Existenzgrundlage ganz bescheiden, ganz einfach aus. Hier will niemand Superstar werden. Bösch zeigt junge Leute, die standesbewusst sind und hoffen, dass ihr Fleiß, ihr Anstand und ihre Ehrlichkeit anerkannt werden – von denen, die Macht über sie erhalten. Denn in einer Gesellschaft gibt es immer kleine und große. Banal, aber wahr.

Dass Regisseur Bösch solchen Einsichten viel Raum gibt, liegt auch an unserer Freizeitgesellschaft, in der Werbeauftritt, Monitoroberflächen und Medienprofile die Wirklichkeit erst überblenden und dann ersetzen. Thomas Rupert lässt diesen ganzen Klimbim beiseite und hat auf der weiten Bühne eine Mulde gelassen, die inmitten einer schwarz-grauen Halde die Menschen aufnimmt. Ein gigantischer Kugelkorb nimmt Stühle, Lampen, Klamotten, Tische, alles Alltagsgedöns auf. Ein Symbol für gelebtes Leben über alle Zeit.

Die Inszenierung fordert ein bisschen Demut. Schaut her, scheint Bösch zu sagen, hier sind zwei Menschen, die nur ein einfaches Leben können – nun lasst sie doch! Ein Anliegen, dem der Regisseur keine schrille Note verpasst, keinen neuen Look anhängt. Das überrascht, weil David Bösch als kühner Inszenator gilt, der mit Leidenschaft und Musik an den Theatern in Essen und Bochum aufgefallen ist.

Nun eine Nummer kleiner. Auch das Personal ist übersichtlich. Mehr als vier Figuren spielen nicht. Ob die Provinz Ducherow oder die Metropole Berlin, wo das Paar letztlich sein Glück versucht, die Inszenierung will ein Gespür für die Innenwelt der Hauptfiguren entwickeln, kein Mileu dekorieren.

Pinneberg wird von Raiko Küster als harmloser Kerl gespielt, der erst Pech mit seinem Chef hat und dann in der Großstadt Berlin nicht Tritt fassen kann. Der Verkaufsakkord raubt ihm das Selbstwertgefühl und den Job. Sein Vorgesetzter drangsaliert ihn. Nicola Mastroberardino spreizt sich als exzentrischer Menschenverächter, der amerikanische Arbeitsnormen einführt und sich an seiner Machtfülle berauscht. Ein Ekelpaket. Pinnebergs Mutter wird von Henriette Thimig im roten Samtfummel ebenfalls überzogen. Ihre Selbstsucht, die Liebe zu dem viel jüngeren Jachmann, den Mastroberardino ähnlich extrem als koksenden Modejunkie bewegt, und das gestörte Verhältnis zu ihrem Sohn bieten eine Gegenwelt in der Inszenierung. Weil Regisseur Bösch diese Extreme gewählt hat, gibt es keine Wahl für „Lämmchen“, wie Emma von ihrem Johannes auch genannt wird. Jachmann ist zu weit weg, und dass er irgendwann seinen Lebensstil bereut, kann man nicht ernst nehmen. So wird die Inszenierung phasenweise spannungsarm.

Böschs sozialer Realismus ist zu sehr auf die Perspektive der kleinen Leute verkürzt, denen alles zu groß, zu laut, zu rätselhaft scheint. Die Intros („Berliner Luft“) helfen, Stimmungslagen zu schaffen. Ein Soundtrack (Musik: Karsten Riedel), den Emma und Johannes wohl nicht hören würden.

Mit Humor wirbt Regisseur Bösch für die kleinen Leute, aber wie Raiko Küster die Nachricht erhält, dass er Vater geworden ist, bleibt doch vorhersehbar wie bieder. Schön sind noch die Liebeleien und Maja Beckmann, die mit ihrem Witz ins Alltagsgrau sticht. Vor allem die Fallhöhen der Lebensangst hätten in Bochum profilierter sein können.

Das Stück

Sozialrealismus, der Platz für kleine Leute schafft. Ihr Lebenskampf wird aber phasenweise zu konturlos inszeniert.

Kleiner Mann, was nun? am Schauspielhaus Bochum

12., 29. Januar, 8., 17. Februar; Tel. 0234 / 3333 5555; www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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